Gender, Bewusstsein und kulturelle Evolution
Auszüge aus einem Dialog mit Andrew Cohen, November 2005.
F: Welche Rolle spielt das Geschlecht in der Lehre des
Evolutionary Enlightenment? Definierst du verschiedene Wege oder
Ausdrucksformen der Erleuchtung für Männer und Frauen oder
glaubst du, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern
transzendiert werden müssen?
In der Lehre der evolutionären Erleuchtung ist das
letztendliche Ziel für Männer und Frauen gleich. Aber das
Geschlecht ist eine unleugbare Tatsache unseres Lebens. So gern
ich es vielleicht auch täte, ich kann die Tatsache, dass ich ein
Mann bin, nicht verleugnen, und genauso kannst du die Tatsache,
eine Frau zu sein, nicht abstreiten. Es gibt dem innewohnende
Unterschiede, aber an und für sich sind sie kein Hindernis, das
ultimative Ziel zu realisieren, das über alle Unterschiede
hinausgeht. Das Problem entsteht, wenn das Ego sich mit diesen
Unterschieden identifiziert, um sich besonders, einzigartig oder
überlegen zu fühlen. Wenn dein Ego – das Empfinden, ein
getrenntes Selbst zu sein – sich mit deinem Geschlecht als
einer Quelle der Macht identifiziert, damit du dich in der
Beziehung zu anderen lokalisieren kannst, dann wird das ein
Problem – ein Hindernis dabei, mit anderen in einem höheren
unpersönlichen Bewusstsein zusammenzukommen, worum es bei dieser
Lehre geht. Wenn aber die Tatsache des Geschlechts anerkannt,
gesehen und angenommen wird, ohne dass man es als Mittel
benutzt, sich von anderen getrennt zu sehen, sich anderen
gegenüber zu lokalisieren, dann wird selbst die Tatsache des
Geschlechts transparent. Auf der menschlichen Ebene bedeutet das
nicht, dass du die Tatsache deines Geschlechts vermeidest oder
die weitreichenden Konsequenzen, die es mit sich bringt. Aber es
wird nicht mehr überbetont. Wenn wir einen Mann oder eine Frau
treffen, die übermäßig mit ihrem Geschlecht oder ihrer
Sexualität identifiziert ist, dann können wir erkennen, wie
dieser Aspekt des Selbst übertrieben wird und die Persönlichkeit
sich diesbezüglich verzerrt. Aber wenn wir eine ungewöhnlich
erleuchtete Person treffen, dann stellen wir fast immer fest,
dass das, was sie so anziehend und attraktiv macht, die Tiefe
ihres Bewusstseins ist, ob sie nun männlich oder weiblich ist.
Und natürlich wird die Tatsache ihres Geschlechts eine
Auswirkung darauf haben, wie dieses Bewusstsein übertragen wird,
aber das wird nach der für uns alle gleichen Natur des
Bewusstseins immer zweitrangig sein.
Erleuchtung bedeutet Bewusstsein jenseits des Egos. Wenn wir
also die Frage des Geschlechts in einem Kontext der Erleuchtung
verstehen wollen, müssen wir fragen: Wie würde sich ein Mann
verhalten, wenn er sich nicht länger mit seinem Geschlecht
identifizierte, um sich als von anderen getrennt lokalisieren zu
können? Und wie würde sich eine Frau verhalten, wenn sie das
Gleiche täte? Das ist etwas, was wir selbst herausfinden müssen.
Wie würde der Ausdruck unserer Menschlichkeit sein, wenn sich
das Ego auf tiefe und grundlegende Weise nicht mehr mit unserem
Geschlecht als einer besonders bedeutsamen Dimension unseres
Selbst identifizierte, dieses aber zugleich in keiner Weise
verleugnet würde? Wie wäre es für eine Frau, eine Frau zu sein,
ohne Maske und befreit von der gesellschaftlich kultivierten
femininen Rolle, die auf Männer so viel Macht ausübt? Wie wäre
es für einen Mann, wirkliche Transparenz zu verkörpern,
Selbstsicherheit und Seelenstärke, ohne die Extreme von Arroganz
oder Schwäche? Viele der Charakterzüge, die wir mit unserem
Geschlecht verbinden, haben wir nicht von Natur aus,
sondern sind von der Kultur und zwischengeschlechtlichen
Machtdynamiken geschaffen. So wie ich Kultur verstehe, ist sie
der Kontext unserer Beziehungen. Wovon ich hier also spreche,
ist wirklich die Evolution der Kultur.
Wenn Männer und Frauen wirklich frei sein wollen, müssen sie
sich auf einen schwierigen Balanceakt einlassen, und das
erfordert einen revolutionären Geist. Wir werden gegen tief
eingefahrene Tendenzen in Bezug auf unser Geschlecht und unsere
Sexualität angehen müssen. Wir werden uns über eine Menge
biologischer und gesellschaftlicher Konditionierungen
hinwegsetzen müssen, um herauszufinden, welches ein erleuchteter
Ausdruck unserer Männlichkeit und Weiblichkeit sein könnte. Wenn
Männer und Frauen das nicht tun, werden wir als Individuen nie
frei sein. Ich bin davon überzeugt, dass es möglich ist, uns von
diesen biologischen und kulturellen Strukturen zu befreien, ohne
unsere sexuelle Natur in irgendeiner Weise zu verleugnen. Aber
es kommt sehr selten vor, dass Einzelne das zustande bringen.
Warum? Weil die meisten Menschen die Illusion des Unterschieds
einfach nicht aufgeben wollen.
Ich nenne diese Lehre "Befreiung ohne Gesicht“. Sie
repräsentiert für mich ein spannendes und so gut wie
unerforschtes Potenzial. Stell dir vor, wie ein sich
entwickelnder reifer Mensch aussehen würde, der transparent und
authentisch geworden ist und alle Schleier falscher Trennung
fallengelassen hat. Wie würde das die Beziehung zwischen Männern
und Frauen verändern? Das ist ein neues Gebiet, vollkommen
verschieden von den meisten anderen spirituellen Ideen von
Beziehungen, die sich durch Polaritäten definieren. Diese Art
von Beziehung könnte eine radikale Transparenz und Authentizität
ausdrücken, in der Männer und Frauen eine neue Stärke finden,
welche die meisten Menschen aber vollkommen beängstigend finden
würden, weil so viel von der Illusion des geschaffenen Selbst
fortfallen müsste. Es ist die Zerstörung eines ganzen
kulturellen Kontextes und die Schaffung eines völlig neuen, der
auf einer Authentizität beruht, die für die meisten von uns zu
viel ist. Es ist eine neue Welt.
An dieser Welt ist so aufregend, dass sie noch nicht
existiert. Sie muss geschaffen werden. Sie existiert nur als
unmanifestiertes Potenzial, das von heldenhaften Individuen
geschaffen werden kann, die das enorme Risiko einzugehen bereit
sind, sich selbst zu transformieren. Aber wenn einige von uns
dazu bereit sind, dann, denke ich, könnten Transparenz und
Authentizität für Männer und Frauen eine Gewohnheit werden,
genauso wie unsere traditionellen Geschlechterrollen
gewohnheitsmäßig in uns festgeschrieben wurden. Dann wird diese
neue Welt nicht mehr nur ein Potenzial sein, sondern ein echter,
lebendiger Bezugspunkt in der menschlichen Entwicklung. Für mich
ist das der nächste Schritt in der Evolution unserer Kultur.
Selbst dieses Potenzial für Männer und Frauen, auf völlig neue
Weise zusammenzukommen, existiert nur aufgrund der Zeit, in der
wir leben, und der außergewöhnlichen Revolutionen, die sich in
unserer Gesellschaft schon ereignet haben. Wenn wir all die
gesellschaftlichen Freiheiten, die uns in den letzten 40 Jahren
zugänglich wurden, in einem Kontext befreiten Bewusstseins
jenseits des Egos zusammenbringen, dann wissen wir nicht,
was da möglich wäre.
Indem wir das Thema Sexualität und Beziehungen der
Geschlechter jenseits des Egos anschauen, denke ich, können wir
eine ganz neue Definition von erleuchteter Kultur ins Leben
rufen. Aber das ist eine enorme Herausforderung. Diese tiefen
Identifizierungen sind der Kleber, der die Gesellschaft
zusammenhält, es ist also kein Kinderspiel, anzufangen sie
aufzulösen. Die Tatsache ist, dass bei den meisten von uns das
Ego so mit unserer sexuellen Natur und den kulturell
geschaffenen emotionalen und psychlogischen Strukturen
identifiziert ist, die in Verbindung damit konstruiert wurden,
dass wir, wenn wir uns auf dieses Gebiet begeben, sehr schnell
unsere Objektivität und Achtsamkeit verlieren. Es bedarf eines
heroischen Interesses an der Befreiung, um diese Dimension
unserer selbst zu erleuchten. Es ist faszinierend darüber
nachzudenken, dass es traditionell eine der Aufgaben der
Religion war – in welch unzureichender Form auch immer – , die
Menschen zu lehren, eine zivilisiertere Beziehung zu den
primitiven Kräften unserer biologischen Natur herzustellen. Wenn
wir also darüber sprechen, einen erleuchteten Kontext auf das Gebiet Geschlecht und Sexualität anzuwenden, dann sprechen wir tatsächlich von einer viel höheren Ebene derselben evolutionären Dynamik. Und es bedarf einer kleinen, aber nicht unbedeutenden Anzahl revolutionärer Seelen, die willens sind, dies zusammen zu tun. Darin liegt die Kraft des Ganzen: in unserer Einheit der Bestimmung. Das kann die Strukturen der Kultur aufbrechen und eine neue Welt an der äußersten Grenze des Möglichen schaffen.