Befreiung ohne Gesicht
Der 30. Juli ist für mich und die internationale Gruppe meiner Schüler zum wichtigsten Tag des Jahres geworden. An diesem Tag im Jahr 2001 offenbarte sich uns zum ersten Mal das, was ich evolutionäre Erleuchtung nenne: eine Erleuchtung, die über das Individuum hinausgeht. Als wir dieses Jahr den 30. Juli feierten, konnte ich mit Stolz sagen, dass sich diese Woge egolosen Bewusstseins, das Authentische Selbst, fünf Jahre später durch unsere gemeinsame Arbeit immer weiter entwickelt und ausdrückt. Der bedeutsamste Aspekt dieser Entwicklung ist jedoch ein dramatischer Sprung vorwärts durch viele meiner weiblichen Schülerinnen.
Obwohl in jeder Lehre der Erleuchtung der Sprung, der über
das Ego hinaus gemacht werden muss, letztendlich für Männer und
Frauen der gleiche ist, scheint es doch häufig der Fall zu sein,
dass bei der Art und Weise, wie wir uns diesem Sprung annähern,
die sehr realen Unterschiede in den biologischen und kulturellen
Strukturen in Betracht gezogen werden müssen, die mit dem
jeweiligen Geschlecht zusammenhängen. In den zwei Jahrzehnten
meiner Tätigkeit als Lehrer hatte ich Gelegenheit, mehrere
hundert Männer und Frauen genau zu beobachten, und zu sehen, wie
verschieden sie auf den Ruf zur Befreiung und die
Herausforderungen der Evolution jenseits des Egos reagieren.
Es wurde mir schon vor langer Zeit klar, dass das Ego auf
dieselbe Weise einer Identifikation mit unserem Geschlecht
verhaftet ist, wie es sich mit so gut wie jedem anderen Aspekt
des Selbst identifiziert, um sein eigenes Spiegelbild zu
sehen. Ich beobachtete, wie jede übermäßige oder
selbstbezogene Identifikation mit unserem Geschlecht oder
unserer sexuellen Orientierung, in Männern wie in Frauen, zu
einem übertriebenen, unnatürlichen Ausdruck des Geschlechts
durch die Persönlichkeit führt. Wenn Erleuchtung der "natürliche
Zustand"; ist, denn erhebt sich die wichtige Frage: Wie
sieht ein natürlicher, unbefangener Ausdruck des Geschlechts
oder der sexuellen Orientierung aus? Wie würde unsere Welt
aussehen, wenn wir als Männer und Frauen unser Geschlecht und
die realen Unterschiede, die existieren, nicht verleugneten, uns
aber gleichzeitig nicht übermäßig damit identifizierten, dass
wir zufällig in einem männlichen oder weiblichen Körper geboren
wurden. Anders ausgedrückt – wie würde der natürliche,
unbefangene, egolose Ausdruck des Geschlechts und der
sexuellen Orientierung aussehen? Dieses Potenzial, welches ich
"Befreiung ohne Gesicht" genannt habe, fasziniert mich
schon seit Jahren. Ich versuche nichts Geringeres als eine neue
Kultur der Erleuchtung ins Leben zu rufen, einen
intersubjektiven, gemeinsamen Kontext oder ein Bewusstseinsfeld,
in dem die Identität der Geschlechter und die sexuelle
Orientierung, vielleicht zum allerersten Mal, unbeschadet
jeglicher falscher Vorstellungen vom Selbst sichtbar werden
könnte. Herauszufinden, wie das für Männer und Frauen
aussehen würde, ist ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit als
Lehrer.
Was Frauen anbelangt, so wäre ein wichtiger Baustein der
Schaffung dieser neuen Kultur eine Befreiung von dem
grundlegenden und tief verwurzelten Glauben, dass Fülle,
Ganzheit, Erfüllung, Sicherheit und Schutz in der Beziehung zu
Männern zu finden sind. In den letzten zwölf Jahren habe ich
verzweifelt versucht, Frauen dazu zu inspirieren und zu bewegen,
sich für wirkliche Freiheit zu interessierten – dafür, eine
radikale Unabhängigkeit anzunehmen, die sie von dem
unaufhörlichen Zwang befreien würde, Sicherheit und Schutz in
den traditionellen Rollen der Mutter, Liebhaberin, Ehefrau und
der mitfühlenden, fürsorglichen Anderen zu suchen. Die
befreiende Wahrheit der Nondualität, dass es keinen anderen
gibt, muss von Männern und Frauen angenommen
werden, wenn wir wirklich den Grundstein legen wollen für eine
erleuchteten Kultur jenseits des Egos. Die Evolution der Kultur
ist die Evolution des intersubjektiven Kontextes unserer
menschlichen Beziehungen. Eine erleuchtete Kultur wäre
also eine solche, in der die Grundlage und der Kontext unserer
Begegnungen nichts Geringeres wäre als die befreiende Wahrheit,
dass es buchstäblich keinen anderen gibt. Und der
Zugang zu dieser Wahrheit liegt für Frauen darin, einen Grad der
Unabhängigkeit anzunehmen, der wirklich radikal ist und der
seinem Wesen nach eine leidenschaftliche Sehnsucht nach Freiheit
jenseits von Beziehungen entzündet.
Seit kurzem ist diese Leidenschaft wie ein Waldbrand
entflammt. Es bedurfte unaufhörlicher und unnachgiebiger
Anstrengungen meinerseits, diese grundlegende Veränderung in der
weiblichen Natur zu bewirken. Einen wirklich revolutionären
Impuls gibt es selten. Die meisten von uns – Männer wie Frauen –
sind nur allzu bereit, Kompromisse einzugehen und sich
einzufügen, anstatt zu versuchen, ein wirklich aufregendes,
wirklich bedeutungsvolles Leben zu erschaffen. Und obwohl das
selten Teil der Natur oder der kulturell vererbten Rolle der
Frauen ist, hängt die Schaffung einer erleuchteten Zukunft
vollkommen davon ab, dass zumindest einige Frauen bereit sind,
wirkliche Revolutionäre zu sein.
Der Kampf, die Zukunft jetzt zu erschaffen, ist ein
immerwährendes Anliegen und eine unaufhörliche Praxis totalen
und unbedingten Engagements mit dem Lebensprozess an der äußersten Grenze des Möglichen. Das ist das Leben, welches ich lebe und zu welchem ich andere unaufhörlich einlade und gleichzeitig auffordere, es mit mir zu leben. Viele wunderbare, aufregende und bedeutsame Fortschritte werden hier täglich gemacht und auf dieser Webseite bald dokumentiert. Es gibt so viel mitzuteilen. Bleiben Sie dran!
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