Sieh allem ins Auge und vermeide nichts
Der dritte Grundsatz
Der dritte Grundsatz ist die höchste Form spiritueller Praxis. Er besagt, dass wir, wenn wir frei sein wollen, jederzeit, überall und unter allen Umständen bereit sein müssen, allem ins Auge zu sehen und nichts zu vermeiden. Bei den meisten Formen spirituellen Praktizierens geht es letztendlich um die Kultivierung der Bewusstheit. Allem ins Auge zu sehen und nichts zu vermeiden bedeutet, eine hohe Fähigkeit zur Bewusstheit zu kultivieren. Das Ego hängt stark an dem Bild, das jemand von sich selbst hat, und es manipuliert seine Umwelt ständig so, dass es nur die Eigenreflexion wahrnimmt, nach der es gerade auf der Suche ist. Das Ego hat die Tendenz, Dingen auszuweichen, sie zu leugnen und alle Informationen, die es von der äußeren Welt oder der eigenen inneren Erfahrung erhält, zurückzuweisen, falls sie jenem Selbstbild auf irgend eine Weise widersprechen sollten. So lange wir uns also mit dem Ego identifizieren, entscheiden wir uns dafür, den weniger zuträglichen Aspekten unseres Selbst gegenüber blind zu sein, und werden unweigerlich aus diesen konditionierten und unbewussten Impulsen heraus handeln und überall um uns herum schlimme Schäden anrichten.
In einer befreiten Beziehung zum Leben spielt das Ego keine Rolle. Nur das Ego besitzt ein Selbstbild, das beschützt werden muss, und dieses Selbstbild erzeugt ein Hindernis, eine Mauer, die das Selbst vor zu viel Realität abschirmt. Das authentische Selbst ist bereits frei, es ist vollkommen unbefangen und nur an dem interessiert, was wahr und wirklich ist. Es muss kein Selbstbild beschützen und hat keinen Grund, irgend etwas zu vermeiden. Also muss man den dritten Grundsatz üben, damit die Verteidigungsstellungen des Egos beständig zerschlagen werden. Die Übung, allem ins Auge zu sehen und nichts zu vermeiden, entfernt alles, was das spontane, ungehemmte Erscheinen des authentischen Selbst behindert.
Nur ein Mensch, der wahrhaftig frei sein will, wird bereit sein, von den Täuschungen des Egos zu lassen und die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Nur jemand, der nach Transparenz, Authentizität und der Leere des Selbst strebt, und der durch einen starken Impuls, sich weiter zu entwickeln, motiviert ist, wird dazu in der Lage sein, der Wirklichkeit auf diese Weise ins Auge zu sehen. Alle anderen werden schließlich finden, dass sie zu sehr damit beschäftigt sind, den Anschein eines getrennten Selbst aufrecht zu erhalten, als dass sie überhaupt ernsthaft damit anfangen wollten, den dritten Grundsatz zu praktizieren. Aber wenn wir uns immer weniger mit den Ängsten und Begierden des Egos identifizieren und immer mehr mit der Leidenschaft des authentischen Selbst für die Evolution, dann werden unsere Ängste und Bedenken und unser Widerstand gegen die Wahrheit immer weniger unsere Erfahrung bestimmen. Wir werden die Stärke und den moralischen Mut aufbringen, das ertragen zu können, was wir ertragen müssen, wenn wir jederzeit, überall und unter allen Umständen allem ins Auge sehen und nichts vermeiden. Warum? Weil wir die Freiheit mehr als alles andere wollen. Wir wollen das Selbst vom Zugriff des Egos befreien, damit das Bewusstsein selbst frei wird, um sich durch uns weiter zu entwickeln. Unsere Fähigkeit zu diesem Grad der Bewusstheit und der Selbsterkenntnis hängt vollständig von unserer Absicht ab, frei zu sein, denn dabei verbünden wir uns mit der reinen Leidenschaft des authentischen Selbst, und so wird eben der Beweggrund zum Ausweichen überwunden.