Das Gesetz der Willensfreiheit
Der zweite Grundsatz
Der zweite Grundsatz, das Gesetz der Willensfreiheit, besagt, dass, wenn man die Freiheit mehr als alles andere will, dazu bereit sein muss, für sich selbst die absolute Verantwortung zu übernehmen.
Es ist keine einfache Aufgabe, nach dem zweiten Grundsatz zu leben. Viele Einflüsse kommen zusammen und formen das Selbst: die persönliche Lebensgeschichte, kulturelle Prägungen, biologische Instinkte und vielleicht sogar die karmischen Eindrücke aus vorangegangenen Leben. Und außerdem noch die Ängste und die Sehnsüchte des Egos und der evolutionäre Impuls des authentischen Selbst. Was es dir aber ermöglicht, für all dies die Verantwortung zu übernehmen, das ist die Erkenntnis, dass letztendlich du selbst dich immer dafür entscheidest, der Mensch zu sein, der du bist. In jedem Augenblick triffst du bewusste und unbewusste Entscheidungen, mit denen du festlegst, was du tun wirst und was für Auswirkungen dies auf die Welt um dich herum haben wird.
Die Kraft des zweiten Grundsatzes hängt vollständig von der Anerkennung der Tatsache ab, dass wir auf irgend einer Ebene immer genau wissen, was wir gerade tun. Mit diesem kühnen Grundsatz wird erklärt, dass man aktiv und genau jetzt die Verantwortung für alles übernehmen muss, was man im Augenblick gerade tut und in der Vergangenheit schon getan hat – und ebenso für die konditionierten Reaktionen, die als Folge von etwas entstehen, was andere einem angetan haben. Erleuchtung bedeutet Freiheit von Karma. Karma entsteht jedes Mal, wenn man aus Unbewusstheit, Unwissenheit und Egoismus handelt und anderen so Leiden verursacht. Für die meisten von uns ist Karma eine gewaltige Kraft: eine durch buchstäblich unzählige Handlungen angesammelte Triebkraft. Diese Triebkraft des Karmas ist es, durch die uns die unerleuchtete persönliche Welt des Egos so anziehend erscheint. Das authentische Selbst in jedem von uns drängt danach, erleuchtet zu werden und sich beständig weiter zu entwickeln, aber das Ego wird von dem Bedürfnis getrieben, immer die Kontrolle zu behalten und ewig gleich zu bleiben. Und die Entscheidungen, die wir in jedem Augenblick treffen, legen fest, welcher Teil unseres Selbst unser Schicksal bestimmen wird. Jedes Mal, wenn wir aus dem Ego heraus handeln, entsteht Karma.
Es gibt wenige Menschen, die wahrhaftig anstreben, für sich selbst die absolute Verantwortung zu tragen. Die meisten ziehen es vor, sich als unbewusste Opfer äußerer und innerer Kräfte zu sehen. Solange man sich als Opfer seiner eigenen konditionierten Reaktionen sieht, die als Folge vergangener Wunden und Traumata auftauchen, wird man ganz unvermeidlich früher oder später andere verwunden oder traumatisieren, und die Wucht des eigenen Karma wird nur noch größer werden. Aber wenn man auf die Opferhaltung verzichtet, nimmt man schließlich das Gewicht seines Karmas auf die eigenen Schultern. Man trägt es, damit niemand anderes leiden muss. Man entscheidet sich heldenhaft dafür, die Welt von seinem eigenen elenden Ego zu befreien – und falls einem die Evolution des Bewusstseins am Herzen liegt, wird man in der Lage sein, einen wichtigen Beitrag dazu zu leisten.
In einem evolutionären Zusammenhang strebt der Mensch nach Befreiung, damit das authentische Selbst, der evolutionäre Impuls, frei ist zu handeln, zu reagieren und die Welt zu transformieren. Das authentische Selbst hat keine Vergangenheit, es besitzt kein Karma, es ist nie verwundet oder traumatisiert worden durch irgend etwas, das der in Geschichte und Zeit existierenden Person zugestoßen ist. Es ist von Natur aus ohne Ego, und wenn es sich selbst in anderen wiederfindet, entsteht ein Zustand ekstatischer Intimität und vollkommenen Vertrauens, der den Himmel auf die Erde bringt. Aber damit man ein Gefäß für diesen wunderbaren Zustand sein kann, muss man den zweiten Grundsatz so weit in seinem Leben umsetzen, dass die konditionierten und irrationalen Reaktionen des Egos immer gebändigt sind. Dann wird der vieldimensionale Komplex aus Energie, Bewusstsein und sich widersprechenden Impulsen, aus dem man besteht, zu einem Ausdruck eines umfassenden Ganzen werden, das nicht nur kein Karma mehr erzeugt, sondern anfängt, auf der Bahn der Evolution eine völlig neue und positive Triebkraft nach vorne zu entwickeln.