Auf den Kontext kommt es an
Ich bin seit fast zwanzig Jahren spiritueller Lehrer. Zu Anfang dachte ich, dass
Erleuchtung einfach eine tiefe und transformierende spirituelle Erfahrung ist. Doch bald
fand ich heraus, dass dies für die meisten Menschen nicht genug ist. Es sind nicht
notwendigerweise unsere Erfahrungen, nicht einmal die tiefsten Momente ekstatischer
Offenbarung, die uns befreien, verändern oder weiser machen. Obwohl sie die Seele
besänftigen und den Geist befreien, können sie den alles umfassenden Kontext der
Entwicklung, in welchem sie stattfinden, nicht erklären und lösen daher die tief
sitzenden Denkweisen, die uns im Ego gefangen halten, nicht unbedingt auf. Aus diesem Grunde
verlieren wir uns immer wieder in der eingeschränkten Perspektive des Egos, obwohl wir
es vielleicht schon viele Male transzendiert und darüber hinaus gesehen, gefühlt
und etwas jenseits davon erkannt haben. So bin ich also zu dem Verständnis gelangt, dass
es weit mehr auf den Kontext als auf alle Erfahrungen ankommt – auf den inneren
Kontext, in dem diese Erfahrungen stattfinden, und die Perspektive, aus der wir ihre
Bedeutung interpretieren. Wenn wir tatsächlich radikale Veränderung anstreben, dann
ist der Kontext dabei das Wichtigste.
Wenn ich von Kontext spreche, beziehe ich mich darauf, auf welche Art und Weise wir uns
orientieren und unsere Erfahrung von einem Moment zum anderen definieren – auf den
emotionalen, psychologischen, philosophischen und ethischen Rahmen, sei er uns nun bewusst
oder nicht, in dem wir alles, was uns geschieht, interpretieren. Alle Menschen interpretieren
ihre Erfahrung in irgendeinem Kontext, um ihr in Beziehung zur weiteren Umwelt eine Bedeutung
zu geben. Doch häufig tun wir dies mechanisch, blind, von Gewohnheit oder der
Konditionierung getrieben, und daher bleibt der Kontext zutiefst beschränkt. Wenn der
Kontext, in dem wir unser Leben betrachten, begrenzt ist, dann werden uns jegliche Momente
der Gnade, die wir erleben mögen, immer wieder durch die Finger rinnen.
In der Vergangenheit fanden die Menschen einen höheren Kontext in den Strukturen der
Familie, des Stammes, der Nation oder der religiösen Traditionen. Doch viele von uns,
die heute auf der am weitesten fortgeschrittenen Entwicklungsstufe stehen, stellen fest,
dass sie sich nicht mehr auf diese kulturellen Strukturen beziehen können, um ihre
menschliche Erfahrung zu verstehen. Wir sind Produkte einer säkularen Kultur, die aus
der Revolution der 60er Jahre hervorgegangen ist und in der wir die Beschränkungen der
Traditionen und die moralischen, ethischen, philosophischen und spirituellen Prinzipien,
die für unsere Zeit nicht länger relevant erscheinen, abgeworfen haben. Doch haben
wir nichts gefunden, was ihre Stelle einnehmen könnte. Am Anfang des 21. Jahrhunderts
scheint die westliche Kultur moralisch, ethisch, philosophisch – und ganz gewiss
spirituell – ziellos dahinzutreiben.
Das Ende einer Ära und der Anfang einer Neuen zwingt uns nun buchstäblich dazu,
einen neuen Kontext zu finden, eine neue Art und Weise, uns auf die Erfahrung des Lebens zu
beziehen. Heutzutage interessieren sich mehr und mehr Menschen für die spirituelle
Dimension des Lebens. Doch wenn wir beginnen, über höhere Potenziale nachzudenken
und nach tieferen Bewusstseinszuständen zu suchen, müssen wir als Erstes über
die folgende Frage nachdenken: Welches ist der Kontext meines Lebens? Welches ist die
größte Perspektive, aus der ich meine eigene Präsenz auf diesem Planeten
betrachten kann? In unserer Zeit ist der Kontext für den spirituellen Weg ein
herausfordernder als jemals zuvor; denn es scheint für jeden, dessen Herz und Geist
erwacht, so gut wie unmöglich zu sein, die gleichzeitig spannende und
angsteinflößende Realität unserer aufgewühlten Welt zu ignorieren.
Diejenigen unter uns, die sich wirklich darum sorgen, was geschieht, aber einfach nicht
wissen, was sie tun sollen, brauchen einen neuen ethischen, philosophischen und
spirituellen Rahmen, der groß genug ist, diese Realität zu umfassen und uns
hilft, uns in der stetig wachsenden Komplexität, in der wir leben, zurechtzufinden.
Bevor wir nach Lösungen für die überwältigenden Krisen, denen sich
unser Planet gegenübersieht, suchen können, müssen wir uns fragen, wie
groß und wie umfassend die Ebene des Bewusstseins ist, von der wir diese Probleme
betrachten. Wie effektiv die Lösungen, die wir finden werden, sein werden, hängt
ausschließlich von der Ebene des Bewusstseins ab, aus der sie hervorgehen.
Der Kontext, in dem wir unsere Erfahrung betrachten, steht in direkter Beziehung zum
Grad unserer Entwicklung als Individuen sowie als Kultur. Je niedriger unser Entwicklungsstand
ist, desto kleiner und enger wird unserer Kontext oder unsere Perspektive sein. Mit der
Evolution und Entwicklung unseres Bewusstseins und unserer Kultur wird unsere Perspektive
größer und umfassender.
Auf der niedrigsten Stufe der Entwicklung kann das menschliche Bewusstsein als
egozentrisch definiert werden. Auf dieser Ebene erkennt es keine Zusammenhänge, die
über das eigene Ich hinausgehen. Wenn sich das Bewusstsein weiterentwickelt, wird es
ethnozentrisch – der Kontext erweitert sich und schließt die Familie, den Stamm,
die Nation oder die großen spirituellen Traditionen ein. Viele der Probleme, denen wir
uns heute in der Welt gegenübersehen, stammen aus dieser Bewusstseinsebene – aus
der Unfähigkeit einer Nation oder Religion, über sich selbst hinauszusehen. Deshalb
ist es so überaus dringend, dass sich mehr und mehr Menschen über das
ethnozentrische Bewusstsein hinaus entwickeln, hin zu dem, was wir Welt-Bewusstsein nennen
würden, und in dem wir uns hauptsächlich als Bürger dieses Planeten betrachten,
statt nur als Mitglieder eines bestimmten Stammes, einer Nation oder Religion. Weltzentrisches
Bewusstsein ist erst vor sehr kurzer Zeit entstanden. Bis dahin lebten wir noch in unseren
eigenen Enklaven und waren uns kaum darüber bewusst, dass wir Teile eines globalen
Systems sind. Doch nun wird diese Tatsache so gut wie unvermeidbar. Die Probleme, vor denen
wir stehen, betreffen uns alle, weil wir Teil eines globalen Kontextes sind. Und sehr viele
dieser Probleme könnten gelöst werden, wenn wir Menschen uns als Teile eines
globalen Systems, als Bürger einer Welt sehen würden.
Es gibt noch eine weitere Ebene, die über der des Welt-Bewusstseins liegt –
diese ist kosmozentrisch. Auf ihr sehen und verstehen wir uns als Bürger des Universums,
als Bürger des Kosmos, noch bevor wir uns als Mitglieder der globalen Zivilisation,
einer bestimmten Nation, eines Stammes oder einer Familie fühlen. Wir betrachten unser
eigenes Leben in dem Zusammenhang einer 14 Milliarden Jahre währenden kosmischen
Evolution. Zu diesem Kontext möchte ich die Menschen mit meiner Arbeit als Lehrer
wirklich erwecken, indem ich spirituelle Transformation und ihr Ziel der Erleuchtung in
einem evolutionären Kontext neu definiere. Ich bin davon überzeugt, dass der wichtigste
Faktor bei dem Erwachen zu einen neuen moralischen Kontext für unsere Zeit das
Verständnis unserer eigenen Entstehung innerhalb eines evolutionären Zusammenhangs
ist. Er kann uns helfen ein neuen moralischen und ethischen Rahmen zu definieren, den wir
heutzutage so dringend benötigen.