Der Zukunft entgegensehen

Das Problem für uns postmoderne Menschen liegt darin, dass wir uns selbst nicht mehr als Teil eines größeren Kontinuums sehen. Die schmerzhafte Erfahrung psychologischer und spiritueller Entfremdung hat unserer Generation ihren historischen Höhepunkt erreicht. In unserem Streben nach persönlicher, sozialer, philosophischer und spiritueller Freiheit haben sich viele von uns von den großen spirituellen Traditionen gelöst. Als Folge davon, haben wir unseren Kontakt mit unserer individuellen und kollektiven Seele verloren, und finden uns nun, ganz unvermutet, allein auf der Wüsteninsel unseres eigenen Egos wieder. Es ist offensichtlich, dass wir uns voranbewegen müssen. Und es ist ebenso klar, dass wir dazu einen neuen moralischen, ethischen, philosophischen und spirituellen Kontext entwickeln müssen, einen Kontext, der es einer wachsenden Anzahl von uns, die wir an der vordersten Front dieser Entwicklung stehen, dazu befähigt, der Zukunft gemeinsam zu begegnen. Wohin sollen sich jene von uns, die die scheinbare Unerschütterlichkeit der Selbstidentifizierung durch Familie, Stamm, Religion oder Nation durchschaut haben und dorthin nicht mehr zurückkehren können, sich wenden?

Am Anfang des 21.Jahrhunderts ist das leidenschaftliche Streben nach Individualisierung und deren Verteidigung in eine Sackgasse geraten. Und aus diesem Grund hängt unsere höhere Entwicklung von einem Sprung ab, den es noch nie zuvor gegeben hat–einem Sprung über die persönliche Sphäre hinaus.

Es wird immer offensichtlicher, besonders jetzt, zu einer Zeit, in der immer mehr Menschen auf eine weltzentrische oder sogar kosmozentrische Ebene des Bewusstseins vorstoßen, dass wir alle verbunden sind. Wir befinden uns alle zusammen in der gleichen Misere, oder, je nachdem wie wir es betrachten wollen, in dem gleichen herrlichen Abenteuer. Und um es noch einmal zu wiederholen: Es ist schwierig für ein Individuum, das in einer selbst bezogenen, narzisstischen Perspektive gefangen ist, sich mit der Tatsache, dass wir alle zusammen sind, verbunden zu fühlen. Denn für den Narzissten bezieht sich alles auf das Individuum, auf die persönlichen Ängste und Wünsche. Der Narzissmus ist also selbst das größte Hindernis dabei, zu verstehen, was es bedeutet, Teil einer Welt zu sein, von einem Kosmos ganz zu schweigen.

Ich bin davon überzeugt, dass der wichtigste Faktor bei dem Erwachen zu einem neuen moralischen Kontext für unsere Zeit das Verständnis unserer eigenen Entstehung innerhalb eines evolutionären Zusammenhangs ist. Es gibt einen moralischen Imperativ, der aus dem Bewusstsein an sich hervortritt, sobald wir uns weit genug entwickelt haben, ihn zu sehen. Wenn wir diesen evolutionären Kontext entdecken und erkennen, welch eine wichtige Rolle unsere eigene individuelle und kollektive Transformation möglicherweise in diesem großen Zusammenhang spielen kann, erwacht ein höheres Gewissen in unserem Bewusstsein. Und wenn wir den Mut haben, uns dieser großen Perspektive zu stellen, haben alle unsere Handlungen und die Gründe für diese Handlungen plötzlich eine tiefe moralische, ethische, philosophische und spirituelle Bedeutung. Der Erkenntnis, wer wir wirklich sind, wovon wir Teil und Ausdruck sind und was alles geschehen musste, damit wir in all unserer außergewöhnlichen Komplexität wir sein können, wohnt eine moralische Verpflichtung inne. Plötzlich gibt es einen sehr realen und absolut anspruchsvollen Kontext für unsere Gegenwart auf diesem Planeten.

Es ist also überaus wichtig, dass wir anfangen, uns der moralischen Bedeutung der Entscheidungen, die wir an diesem kritischen Punkt in der Evolution treffen, bewusst zu werden. Zu einer Zeit, in der wir fast uneingeschränkte Möglichkeiten haben, in der viele von uns dem Konzept einer höheren Wahrheit zweifelnd gegenüberstehen und jeglichem Sinn von Verpflichtung gegenüber Abneigung empfinden, ist es kein Wunder, dass wir uns moralisch verloren fühlen. Wir sind so selbst bezogen geworden, dass wir mit der moralischen Dimension der menschlichen Erfahrung buchstäblich keine Berührung mehr haben. Und die einzige Art und Weise, in der sich uns ein neuer, authentischer moralischer Kontext offenbaren kann, ist, wenn unsere Fixierung auf unsere persönlichen Wünsche in den Hintergrund tritt. Aus diesem Grund ist die spirituelle Erfahrung so wichtig.

Aus Psychotherapie und Bewusstsein, Kamphausen Verlag – www.weltinnenraum.de