Die Tragik des Narzissmus
Für den postmodernen Menschen ist es äußerst wichtig zu
lernen, die menschliche Erfahrung in einem evolutionären Kontext
zu betrachten, einem Kontext der Entwicklung. Als Produkte
unserer postmodernen Zeit neigen viele von uns dazu, extrem
selbst zentriert, narzisstisch und vom eigenen Selbstbild
besessen zu sein. Hier im Westen leben wir in einem Luxus, von
dem selbst Könige und Königinnen in der Vergangenheit nur
träumen konnten, doch nehmen wir das alles als
selbstverständlich hin. Obwohl wir die wohlhabendsten und
privilegiertesten Menschen sind, die je gelebt haben, obwohl wir
mehr Freiheit haben–Gedankenfreiheit, Wahlfreiheit,
Bewegungsfreiheit–als sie je eine Gruppe von Menschen in
der Geschichte genossen hat, fühlen wir uns als Opfer. Viele von
uns empfinden die menschliche Existenz als große Last. Die
privilegiertesten Menschen in der Welt, diejenigen, die wirklich
etwas bewirken könnten, sind so zwanghaft von den Ängsten und
Wünschen des Egos besessen, dass wir mehr oder weniger
untauglich geworden sind.
Ich spreche daher über die Evolution des Kosmos und die
Entwicklung der Kultur, um einen großen Kontext zu
setzen–einen Kontext, der uns helfen kann, zu erkennen,
dass wir nur ein kleiner und ungemein privilegierter Teil eines
unendlichen Prozesses sind. Wenn wir nur einmal beginnen, über
die Tatsache nachzudenken, dass es 14 Milliarden Jahre der
Evolution und Entwicklung bedurfte, um unsere Kapazität für
Bewusstsein zu ermöglichen, kann es uns helfen, aus dem Albtraum
narzisstischer Selbstbeschäftigung aufzuwachen. Wenn wir
wirklich an uns heranlassen, was alles geschehen musste, um uns
zu erschaffen, wird es plötzlich glasklar, warum es vollkommen
irrsinnig ist, herumzusitzen und uns um die Ängste und Wünsche
des Egos zu sorgen. Glauben Sie mir, 14 Milliarden Jahre der
Evolution und Schöpfung–vom Nichts über Energie zu Materie
zu Bewusstsein und zu uns–sind nicht zu diesem Zweck
geschehen!
In Anbetracht dieses großen Zusammenhanges muss sich jede/r
von uns fragen: "Wie lebe ich? Dieser menschliche Körper und
Geist sind ein Gefäß für Bewusstsein, das für seine Entstehung
Milliarden von Jahren brauchte. Doch wofür benutze ich
es?” Die meisten von uns agieren ein persönliches Drama
aus, das letztendlich nichts anderes als ein Albtraum im
Wachzustand ist. Zumeist wird unsere wundersame Fähigkeit zu
Bewusstsein mit zwanghafter Selbstsorge verschwendet. Es ist
tragisch, eine kosmische Tragödie, wie wir mit dieser kostbaren
Gelegenheit, die das Leben uns gegeben hat umgehen. Sehr viele
Menschen leben in einem unbewussten Zustand, der grundlegend von
Angst und Verlangen, von konditioniertem Denken und biologischen
Impulsen gesteuert ist. Unsere enormen Fähigkeiten bleiben so
unausgeschöpft. Wir schwimmen in einem Strudel konditionierter
Subjektivität und leben oberflächliche, kleinliche und
ängstliche Leben. Wenn wir dies aus einer großen universellen
Perspektive betrachten, erkennen wir, welch eine Verschwendung
dies ist. Die meisten Menschen auf unserem Planeten genießen
nicht einmal die Freiheit, über diese philosophischen und
spirituellen Themen nachzudenken, weil sie all ihre Zeit und
Energie darauf verwenden müssen, zu überleben. Die kleine
Minderheit, der wir angehören, der die Zeit und Umstände zur
Selbstbetrachtung gegeben sind, befindet sich in einer sehr
glücklichen Lage und könnte wirklich etwas verändern.
Aber wir weigern uns, das zu tun. Warum? Weil wir zu
sehr damit beschäftigt sind, uns um uns selbst zu sorgen. Es ist
die tragische Ironie unserer postmodernen Misere, dass so viele
der am höchsten entwickelten und privilegiertesten Menschen auf
diesem Planeten in einer sehr primitiven Beziehung zum Leben
verloren sind–in einem Sumpf von Narzissmus und
Selbstbesorgnis.
Ein Individuum, das grundlegend vom eigenen Selbst besessen
ist, wird es sehr schwer haben, tiefe Gefühle zu empfinden und
sich auf den größeren Kontext einzulassen, in dem es lebt.
Deshalb wird es ihm/ ihr nicht möglich sein, auf eine tiefe Art
und Weise am Leben teilzuhaben. Selbst jene unter uns, die sich
für “Spiritualität” zu interessieren beginnen,
drücken allzu häufig den gleichen Narzissmus aus, weil sie ihre
eigene Erleuchtung oder Erfahrung höherer Bewusstseinszustände
außerhalb jeder größeren moralischen, ethischen oder
philosophischen Perspektive suchen. Die Sehnsucht nach einer
Entwicklung der Seele wird so meistens durch persönliche
Erfahrungen befriedigt, statt durch die Ausrichtung auf einen
umfassenden spirituellen Kontext. In der Tat hat die
subjektive Erfahrung des Individuums eine fast
geheiligte Bedeutung erhalten–der Vorstellung, etwas
Höherem als nur der eigenen flüchtigen Intuition verpflichtet zu
sein, begegnen wir jedoch mit Misstrauen. Es scheint, als hätten
wir jegliche Bindung an höhere oder tiefgründigere Prinzipien,
die über unsere eigene direkte Erfahrung hinausgehen, verloren.
Und selbst wenn es uns gelingen mag, einen Blick auf eine höhere
Perspektive zu werfen, in eine tiefere, umfassendere Sichtweise
hineinzuschauen, sind wir doch selten in der Lage, den Zugang
dazu zu erhalten. Wir sind Produkte unserer Zeit und Kultur, und
als solche kehrt unsere Aufmerksamkeit allzu leicht wieder dahin
zurück, wie wir uns in Bezug auf uns selbst fühlen. Es gibt nur
wenige Menschen, die in einer alles umfassenden, spirituellen
Perspektive verwurzelt bleiben, der ihre persönliche Erfahrung
stets untergeordnet ist.
Aus Psychotherapie und Bewusstsein, Kamphausen Verlag – www.weltinnenraum.de