Ein kosmisches Gewissen
Die traditionellen Lehren der Erleuchtung sagen uns, dass
wir die Herrlichkeit, Schönheit und das Ehrfurcht erregende
Mysterium des Seins, dass das Leben und den Tod transzendiert,
nur dann direkt erfahren können, wenn wir bereit sind, unser
persönliches Verlangen loszulassen. Die lebendige Offenbarung
des erleuchteten Bewusstseins ist deshalb so außerordentlich und
befreiend, weil sich unsere Aufmerksamkeit, wenn sie erst einmal
von den Strängen unserer persönlichen Sphäre befreit ist, soweit
ausdehnt, dass sie unendlich erscheint. Und in dieser
unendlichen Umarmung von allem, was ist, offenbart sich ganz
spontan eine Fürsorge und Besorgnis, eine Liebe und Leidenschaft
für alles, was ist. Und wir erkennen, dass diese
Fürsorge und Besorgnis vom eigentlichen Bewusstsein nicht zu
trennen und tatsächlich unsere eigene tiefste Fürsorge
und Besorgnis sind. Es gibt nichts, was uns tiefer von der
innewohnenden Güte des kreativen Prinzips oder der Quelle des
Lebens an sich überzeugt, als diese leidenschaftliche Fürsorge
selbst zu entdecken, welche auf ganz natürliche Weise
hervortritt, wenn das Bewusstsein von den endlosen Ängsten,
Wünschen und Sorgen des persönlichen Egos befreit wurde. Diese
Fürsorge, so stellen wir fest, ist nicht nur eine natürliche
Qualität dessen, wer und was wir sind, sondern ist auch das, wer
und was wir werden, wenn wir beginnen, uns auf
authentische Weise über das Ego hinaus zu entwickeln. Der
aufregendste Teil dieser evolutionären Veränderung aber ist die
zunehmende intuitive Wahrnehmung eines lebendigen
Kontextes–eines moralischen, spirituellen Kontextes, der
als ein grundlegender Teil des Gewebes der Schöpfung in ihm
besteht.
Dieser kosmische moralische Kontext wird zugleich in dem sich
entwickelnden menschlichen Bewusstsein und durch dasselbe
sichtbar. Tatsächlich offenbart sich die höhere moralische
Dimension des Lebensprozesses erst dann, wenn der erwachende
Mensch nicht nur über die Begierden des persönlichen Ichs
hinausschauen kann, sondern über alle Vorstellungen einer
eigenen individuellen oder kollektiven Identität, die nicht
vollkommen frei von Grenzen sind. Ein neuer erleuchteter Rahmen
für die menschliche Erfahrung–einer, den wir als Spezies
jetzt so dringend nötig haben–wird nur dann sichtbar
werden, wenn eine größere Anzahl von uns Menschen aus der
privilegierten Minderheit, denen schon alles gegeben wurde,
bereit sind, die Anhaftung an das eigene Glück loszulassen und
in sich selbst Raum zu machen für das Geschenk, dass das
Bewusstsein selbst uns geben möchte.
Ironischerweise stecken wir in einer zwiespältigen Lage. Noch
nie zuvor waren so viele von uns in der Lage zu verstehen, wie
sehr das Universum unsere Entwicklung über das Ego hinaus,
unsere Erleuchtung, benötigt. Und gleichzeitig, da wir Produkte
des Zeitalters des Individuums sind, war unsere Anhaftung an das
persönliche Ego oder den Selbstsinn niemals stärker. Dies ist
tatsächlich der Grund dafür, dass heute selbst in gebildeten
spirituellen Kreisen die zeitlose Herausforderung der größten
Meister der Geschichte–der Tod des Egos–als
altmodisches Überbleibsel aus einer weniger erleuchteten Vergangenheit
abgelehnt wird. Was sollen wir also tun? Der nächste Schritt hängt wirklich
von jedem Einzelnen von uns ab.
Es ist sehr dringlich, dass wir einen neuen moralischen, philosophischen
und spirituellen Kontext definieren, der von seinen Ausmaßen her die vielschichtige
Natur der menschlichen Lage am Anfang des 21. Jahrhunderts in all ihrer Komplexität
umfassen kann. Und einige mutige Wegbereiter sind dabei schon weit vorangeschritten.
Der wichtigste Teil dieses Vorhabens–und ich bin mir sicher, dass die meisten
darin mit mir übereinstimmen würden–ist jedoch die Bereitschaft, als Individuen
den Preis der Selbsttranszendenz zu bezahlen, sodass eine immer größere Anzahl von uns
direkt die Konturen und Parameter dieses neuen Kontextes intuitiv, aus der Tiefe des
Bewusstseins heraus, erfahren kann.
Aus Psychotherapie und Bewusstsein, Kamphausen Verlag – www.weltinnenraum.de