Die neue Erleuchtung

Was ist Erleuchtung? Erleuchtung bedeutet, dass durch einen Menschen mehr Licht – das Licht des Bewusstseins – strahlt. Wenn wir einem erleuchteten Mann oder einer erleuchteten Frau begegnen, erleben wir eine Ausdehnung unseres Bewusstseins, ein Gefühl des Selbst, das unendlich weit über die begrenzten Dimensionen der menschlichen Persönlichkeit hinausgeht. Solch ein Individuum ist ein Fenster zur Ewigkeit, das einzige Tor, durch das höheres Bewusstsein in die Welt eintritt.

Im traditionellen Modell wird die Erleuchtung durch die Erfahrung des Seinsgrunds erreicht, der Leere, aus der wir alle kommen. Wenn wir uns in einen sehr tiefen Meditationszustand begeben – jenseits des Verstandes, des Körpers, der Welt und der Zeit – erfahren wir reines Bewusstsein, alles durchdringendes, formloses Sein. Nichts existiert in jener ursprünglichen Leere, und trotzdem ist diese Leere genau der Urgrund, aus dem das ganze Universum, einschließlich dir und mir, entstanden ist und auch jetzt in diesem Moment noch entsteht. Diese Erfahrung ist sehr befreiend, weil wir in jenem Nicht-Raum den tiefsten Teil unseres Selbst entdecken, das Absolute Selbst, das nie in den Strom der Zeit eingetreten ist. In reinem Bewusstsein löst sich die Last der Existenz völlig auf – es gibt weder Konflikte noch Probleme zu lösen, keine Ziele zu erreichen. Es ist die Erfahrung absoluter Erleichterung. Also im traditionellen, prämodernen Sinne geht es bei der Erleuchtung um die Entdeckung bedingungsloser Freiheit durch das Erwachen zu diesem leeren Urgrund grenzenlosen Seins, dem ewigen Selbst, und darum, immer dort zu verweilen. Und letztendlich unterscheidet sich diese Einstellung nicht vom westlichen, religiösen Modell, in dem die ewige Rettung in einem seligen Himmelsreich jenseits der Welt gefunden wird. Sowohl in der traditionellen östlichen Weisheit als auch im religiösen westlichen Glauben ist das letztendliche Ziel ein Endzustand, ein transzendentaler Bewusstseinszustand oder ein paradiesischer Aufenthaltsort – ein Zustand also, der die Erlösung von dieser Welt verspricht.

Nun ist es wichtig zu verstehen, dass die Menschen, als diese großen Traditionen in ihrer Blüte standen, ein ganz anderes Verständnis vom Kontext ihres Lebens hatten. Im Osten, wo der Begriff Erleuchtung geprägt wurde, glaubte man zum Beispiel, dass sich die Geschichte karussellartig in immer wiederkehrenden Zyklen bewegte und den gleichen Prozess ewig wiederholte. Für jemanden, der in jenem Kontext "erwachte", war der Pfad zur Befreiung und Rettung nahe liegend: Herunterzuspringen vom "Rad" der körperlichen Existenz, um für immer in dem Segen, der Freiheit und dem ewigen Frieden des formlosen Reiches jenseits von Zeit und Raum zu verweilen.

Aber wir haben uns entwickelt. Wir haben im Laufe von Tausenden von Jahren eine Menge über uns selbst gelernt und über den Kontext, in dem wir entstanden sind. Und eines der wichtigsten Dinge, die wir entdeckt haben, ist, dass sich die Zeit nicht zyklisch, sondern in einem linearen Entwicklungsprozess bewegt. Vor vierzehnmilliarden Jahren explodierte aus dem Nichts eine ungeheure Energie, und sie entwickelte sich mit der Zeit zu Licht, zu Materie und schließlich zum Leben. Und mit dem Beginn des Lebens trat Bewusstsein in den Strom der Zeit ein. Leben und Bewusstsein sind eins, und je komplexer die Lebensform, desto größer ihre Fähigkeit zum Bewusstsein. Am Menschen ist so wunderbar, dass wir aufgrund unseres hoch entwickelten Gehirns die einzigartige Fähigkeit besitzen, zu wissen, dass wir wissen. In der menschlichen Wahrnehmung hat das Bewusstsein die Fähigkeit erlangt, sich selbst und all das zu kennen "was in ihm existiert, einschließlich des ganzen Evolutionsprozesses, der diese Fähigkeit selbst hervorbrachte".

Unser selbst reflektierendes Bewusstsein ist zweifelsohne der höchste und tiefste Ausdruck des Urknalls, und wenn wir diese Einsicht wirklich schätzen lernen, wird das unser Verständnis für das Ziel spirituellen Lebens zwangsläufig radikal umorientieren. Tatsächlich wird das ganze Konzept der Erleuchtung überholt werden müssen, um dieser entstehenden kosmischen Perspektive zu entsprechen. Angesichts all dessen, was für das Leben nötig war, um diese Schwelle zu erreichen, macht es einfach keinen Sinn zu schlussfolgern, das höchste spirituelle Ziel wäre die Flucht oder die Transzendenz oder die Befreiung vom körperlichen Dasein. Genau so sinnlos ist, was neuere und weiter gefasste Definitionen uns erklären, nämlich dass Erleuchtung bedeute, mit der Welt und zugleich mit jener formlosen Dimension jenseits der Welt eins zu werden. Da sich das Universum in der Zeit entwickelt, müssen wir, um mit ihm eins zu werden, mit dem Evolutionsprozess auf der Ebene unseres eigenen Bewusstseins eins werden. In dieser Hinsicht sitzen wir Menschen am Steuer wie noch nie zuvor, und diese Tatsache hat dramatische Implikationen. Eine neue Definition von Erleuchtung muss nämlich die entstehende Offenbarung zum Ausdruck bringen, dass von jetzt an unsere bewusste Teilnahme am Evolutionsprozess im wahrsten Sinne des Wortes unentbehrlich für die kreative Entfaltung des Kosmos geworden ist.

Wenn man beginnt, diese Einsicht an sich heran zu lassen, spürt man, wie die Macht, Energie und Intelligenz, die den ganzen Prozess steuern, in der eigenen Seele erwachen. Dieser kreative Impuls ist nichts anders als dein eigenes Selbst–dein von Natur aus freies Authentisches Selbst jenseits von Ego. Sobald das Ego, welches das ewige Hindernis der Erleuchtung darstellt, transzendiert wird, vertieft und dehnt sich das Bewusstsein automatisch aus. Du kümmerst dich immer weniger um dein persönliches Selbst und immer mehr um den großen Kontext, in dem dieser Prozess stattfindet. Warum? Weil jedem von uns klar wird, wenn er zu diesem Impuls erwacht, der diese wunderbare Entfaltung initiiert hat, dass es unser Prozess ist, und dass es auf uns ankommt, ihn voranzubringen. Die Macht, Energie und Intelligenz, die dieses Universum erschaffen haben, sind nun von uns, der am höchsten entwickelten Lebensform, abhängig, um ihren evolutionären Imperativ zu unserem eigenen Daseinszweck werden zu lassen. Dann werden wir wortwörtlich zum Gott in menschlicher Gestalt. Als Mensch verkörpert zu sein, das heißt du selbst zu sein, hier und jetzt, wird auf wunderbare Weise in ein heiliges Ereignis verwandelt. Und an diesem Punkt finden wir eine neue Definition von Spiritualität, die ich Evolutionary Enlightenment (Evolutionäre Erleuchtung) nenne, die der Realität des menschlichen Dilemmas und Potenzials zu diesem Zeitpunkt gerecht wird. Aber wir müssen die damit verbundenen außergewöhnlichen Anforderungen auch erfüllen.

Evolutionäre Erleuchtung ist die größte spirituelle Herausforderung, weil sie keinen Fluchtweg verspricht. Zu viele von uns hoffen heimlich immer noch darauf, dass wir eines Tages von diesem Prozess erlöst werden, um dann für immer und ewig ruhen zu können. Nur wenn wir endlich bereit sind, uns dem gewaltigen Kontext, in dem wir leben, und seinen tief greifenden transformativen Implikationen für uns persönlich zu stellen, werden wir uns zu authentischer spiritueller Reife entwickeln. Und das ist es gerade, was diese Welt so verzweifelt dringend braucht: reife, erleuchtete Menschen, die gewillt sind, aus ganzem Herzen für immer die Verantwortung für den gesamten Prozess zu übernehmen, um an der Erschaffung des bewussten Universums teilzunehmen, mit dieser Kraft und als diese Kraft, die es hervorgebracht hat. Dieser Impuls, der dein eigenes Authentisches Selbst ist, kann nie zur Ruhe kommen, bis die gesamte Materie des Universums vom Licht des Bewusstseins durchdrungen ist.