Spirituelle Forschung und die Evolution des Bewusstseins
Was ist der Sinn von spiritueller Forschung? Sie dient
dazu, das Leben auf der tiefsten Ebene zu verstehen. Wenn wir
uns nicht die Mühe machen, zutiefst zu erkennen, wer wir sind
und warum wir hier sind, werden wir, so wie die meisten
Menschen, im Halbdunkel unseren Lebensweg entlang stolpern. Und
das ist für den evolutionären Prozess nicht sehr nützlich. Wir
leben in einer Zeit, in der niemand mehr wirklich weiß, welche
Regeln noch gelten. Da wir uns heute kaum noch an den
Traditionen orientieren, müssen wir uns der Tatsache stellen,
dass jene von uns, die an der Spitze der Entwicklung stehen,
sich in vielerlei Hinsicht in unbekanntem Terrain bewegen. Darum
ist es wichtiger als je zuvor, sich der Praxis philosophischer
und spiritueller Forschung bewusst zu widmen.
Angesichts unserer postmodernen Zwangslage, ist die Praxis
der spirituellen Forschung sehr wirkungsvoll und bedeutsam, weil
es dabei nicht um philosophischen und intellektuellen
Zeitvertreib geht. Was du dabei wirklich versuchst, ist das
Leben im größten Kontext und aus dem wichtigsten Beweggrund
heraus zu verstehen. Das ist kein Spiel. Du versuchst
buchstäblich neue Spuren im Bewusstsein zu bahnen–neue
Strukturen, tiefere Perspektiven und höhere Potenziale.
Wenn du ernsthaft an der Evolution des Bewusstseins
interessiert bist, ist spirituelle Forschung nicht einfach nur
etwas, das du in deiner Freizeit am Sonntagnachmittag tust. Es
ist eine gewisse Ausrichtung im Leben, die Ausrichtung
des Authentischen Selbst. Eine wahrhaft forschende Haltung birgt
ein leidenschaftliches Interesse für das, was du noch nicht
weißt, in sich. Für die Evolution des Bewusstseins
selbst, willst du wissen. Wenn du der
Bewusstseinsevolution gegenüber nicht persönlich zutiefst
verpflichtet bist, dann wirst du nicht wirklich an spiritueller
Forschung interessierst sein, die über philosophische
Abstraktion hinausgeht.
Bewusstsein ist nicht irgendeine mysteriöse Substanz, die
außerhalb des Selbst im Äther existiert. Es ist gleichzeitig
unser Selbst und intersubjektiv wir
selbst–der Teil unseres Selbst, den wir mit anderen
teilen. Bewusstsein ist ein intersubjektives Feld, das wir
alle teilen. Damit das intersubjektive Feld sich
tatsächlich entfalten und entwickeln kann, muss das Bewusstsein,
aus dem es besteht, das heißt unser eigenes Bewusstsein, Platz
für diesen subtilen, tief greifenden und geheimnisvollen
Wachstumsprozess schaffen. Das intersubjektive Feld, welches das
Selbst ist, kann und wird sich nur durch die Mitwirkung jener
Individuen entwickeln, die wirklich leidenschaftlich an seiner
Entwicklung interessiert sind. Genau das ist der Kontext für
ernsthafte spirituelle Forschung. Und die einzige Art, wie die
du diese Praxis wirklich ausüben kannst, ist dir selbst zu
erlauben nicht bereits zu wissen.
Die meisten von uns nehmen unbewusst die Haltung ein, auf
tieferer Ebene bereits zu wissen. Bereits zu wissen ist
die Haltung des Egos, da das Ego sich immer sicher fühlen muss.
Natürlich weiß jeder von uns bestimmte Dinge, und das ist nicht
das Problem - unsere intellektuelle Kapazität ist in der Tat ein
außerordentliches Geschenk der Evolution. Das Problem ist
jedoch, wenn wir beginnen Wissen anzusammeln, neigt unser Ego
dazu, an der Idee, dass es etwas weiß, festzuhalten. Oft
beginnen wir zu fühlen, dass wir wichtig seien, nur weil wir
etwas wissen. Wissen verleitet das Ego dazu sich mächtig zu
fühlen und bildet in den meisten Fällen eine Mauer, die diesen
Teil des Selbst beschützt und ermächtigt. Und wenn wir an dem
Glauben festhalten, jemand zu sein, der bereits weiß,
ist es sehr schwierig zu lernen oder sich auf der Ebene der
Seele zu entwickeln. Insbesondere im Kontext von Erleuchtung,
bedeutet Entwicklung immer, in unbekanntes Terrain
vorzustoßen.
Wenn wir erkennen, dass die Evolution des Bewusstseins die
Evolution des intersubjektiven Feldes ist, die gleichzeitig die
Evolution des Selbst auf der tiefsten Ebene ist, dann wird es
absolut unumgänglich, einen Weg zu finden, nicht bereits zu
wissen - was bedeutet, das Ego loszulassen.
Das Feld kann sich wirklich nur dann entwickeln, wenn deine
eigene Mitwirkung in diesem Prozess frei von Ego ist. Wenn du
dich weigerst, nicht bereits zu wissen, wird dein Widerstand die
Evolution des Selbst in diesem intersubjektiven Bestreben
aufhalten. In intersubjektiver Evolution geht es immer um
bewusste, beabsichtigte, gewillte Kooperation. Du musst mit dem
evolutionären Prozess kooperieren wollen, du musst
wirklich ernsthaft daran interessiert sein, nicht lediglich als
eine abstrakte philosophische Idee, sondern als deine eigene
engagierte Verpflichtung der Evolution des Bewusstseins
gegenüber. Jemand der sich wahrhaftig um die Entwicklung des
intersubjektiven Feldes sorgt, ist wie eine Mutter oder ein
Vater, die sich zutiefst um die Erziehung, Bildung und das
Wohlergehen ihres Kindes bemühen. Das gelingt nur, wenn du zu
jener Art des leidenschaftlichen Interesses und zur Fürsorge für
die Evolution und Entwicklung des Feldes selbst erwachst.
Mit nicht bereits wissen meine ich nicht, dass du
buchstäblich ein unbeschriebenes Blatt sein musst oder deine
Erinnerungen löschen sollst. Viele Menschen können nicht
zwischen nicht bereits wissen und nichts wissen
unterscheiden. Nicht bereits wissen bedeutet nicht, dass man auf
intellektueller Ebene nichts versteht. Es hat nichts mit deinem
Intellekt zu tun; es hat mit deinem Ego zu tun. Es bezieht sich
darauf, frei von einer egoischen Identifikation mit den
Informationen zu sein, die dein Intellekt angesammelt hat.
Solange du an den Informationen, die du erworben hast,
festhältst, weil sie dir ein Gefühl von Macht und Überlegenheit
als Individuum geben, wirst du keinen Platz in dir selbst
finden, um nicht bereits zu wissen - um authentisch zu
hinterfragen.
Was bedeutet es also, eine Beziehung zu Wissen, Erinnerung
und Erfahrung zu haben, die uns nicht fesselt? Die perfekte
Haltung, die das Selbst einnehmen sollte, um sich zu entwickeln,
ist ein geheimnisvoller Ort genau zwischen nicht bereits
wissen, auf der einen Seite, und wissen zu wollen,
auf der anderen. Auf tiefster Ebene nicht bereits zu wissen,
verbindet uns mit dem Grund allen Seins, jener ursprünglichen
Leere, die von sich aus frei und schon befreit ist, und die das
Selbst als nicht-manifestiertes Bewusstsein ist. Wissen zu
wollen, leidenschaftlich und voller Energie verstehen zu wollen,
verbindet uns mit dem Authentischen Selbst, welches der
evolutionäre Impuls oder der tiefste manifestierte Ausdruck von
Bewusstsein ist. Eine evolutionäre Haltung manifestiert sich
also in dem dynamischen Gleichgewicht zwischen diesen beiden
Gegensätzen.
Wenn du in dieser Mitte zwischen nicht bereits wissen und wissen wollen lebst, zwischen dem Grund des Seins und dem Authentischen Selbst, gibt es keinen Platz für das Ego. Und aus dieser geheimnisvollen Mitte zwischen allen Gegensätzen entstehen und entwickeln sich neue Spuren im Bewusstsein - neue Strukturen, tiefere Perspektiven und höhere Potenziale, innerhalb des intersubjektiven Feldes, das dein eigenes Selbst ist.