Wie fühlt sich Gott?
Ich wollte immer schon wissen: Wie fühlt sich Gott? Es ist leicht zu erfahren, wie sich Gott im formlosen Zustand fühlt. Wenn wir tief meditieren, wenn wir lange genug still sitzen und unseren Geist sehr ruhig werden lassen, bis wir im Urgrund und als der Urgrund allen Seins ruhen, fühlen wir uns so gut, wie Gott sich fühlen muss — vollkommen, leer und frei; völlig zufrieden, wunschlos. Alles, was der formlose Gott jemals tun möchte, ist zu sein — und für ewig über das Selbst zu meditieren. Wenn wir in diese tiefste Dimension unseres Bewusstseins vordringen, fühlen wir deshalb: „Hier könnte ich für immer verweilen“. In diesem Zustand von reinem Sein erleben wir, wie Gott sich gefühlt haben muss, bevor das Universum geboren wurde. Und wir erleben unser eigenes tiefstes Selbst, das von diesem leeren, grundlosen Grund nicht getrennt ist.
Dieser Urgrund des Seins ist jedoch nur ein Teil des Wesens Gottes. Gott ist auch alles, was aus diesem Nichts entstand — der explosive, über 14 Milliarden Jahre währende Prozess des Werdens. Wenn Gott diesen großen Sprung von der Formlosigkeit in die Form macht, ändert sich das Fühlen in drastischer Weise. Der Urgrund des Seins ist Gott in seiner bzw. ihrer nicht-manifesten Form. Sobald jedoch die Schwelle vom Nichts zum Etwas überschritten wird, manifestiert sich Gott als evolutionärer Impuls. Das eine Selbst beschließt, sich selbst als Form zu erschaffen, und aus dem Nichts strömt ein unermesslich großer Wunsch, zu werden. Das gesamte Universum, einschließlich unseres eigenen Selbst in ebendiesem Moment, ist Ausdruck und Manifestation dieses einen Wunsches.
Dem Verständnis davon, wie diese kreative Dimension Gottes fühlt, können wir am nächsten kommen, wenn wir die biologische Manifestation des evolutionären Impulses betrachten. Der Wunsch, Form zu erschaffen, findet im menschlichen Körper als Impuls zur Fortpflanzung oder als sexuelles Verlangen seinen Ausdruck. Steigt sexuelles Verlangen in uns auf, fühlt sich das wie eine ekstatische Dringlichkeit an — ein Gefühl von Ekstase und ein gleichzeitiges „Ich muss …“.
Derselbe kreative Impuls wird auf den höheren Ebenen des Selbst als der Drang erfahren, innovativ zu werden; als Leidenschaft, Neues zu schaffen. Wer von diesem kreativen Drang erfasst wird, erlebt dieses Gefühl von Ekstase und Dringlichkeit. Das ist ein höherer, deutlich stärker entwickelter Ausdruck des kreativen Impulses, den nur wir Menschen erleben können. Keine andere Lebensform scheint den Drang zu spüren, etwas Neues zu schaffen. Und der höchste Ausdruck dieser einzigartigen menschlichen Erfahrung ist der spirituelle Impuls, der geheimnisvolle Drang, sich auf der Ebene des Bewusstseins zu entwickeln. Der ekstatische Drang, bewusster zu werden, ist der tiefste Ausdruck der Ersten Ursache. Diesen im Herzen und Geist eines Menschen erwachten Impuls bezeichne ich als Authentisches Selbst.
Als menschliche Wesen erleben wir die kreative Dimension Gottes auf jeder Ebene unseres Seins. Sie lässt sich jedoch zunächst am einfachsten auf der groben physischen Ebene erfahren, wo sie zeitweise überwältigend wirken kann. Werde dir dieses ekstatischen Dranges bewusst, wenn du ihn in höchster physischer Intensität erlebst, und versuche dann, dir dieselbe Intensität auf der Ebene des Bewusstseins vorzustellen: So fühlt sich Gott immer in Bezug auf die Erschaffung des Universums. Und Gott empfindet niemals Erleichterung davon. Wenn Gott aus der Formlosigkeit in die Form wechselt, befindet er oder sie sich in einen fast quälenden Zustand, wo der Wunsch, zu schaffen oder zu werden, überwältigend ist, jedoch immer unerfüllt bleibt.
Wie Gott sich dann fühlt, ist immer ein Paradox: Auf der einen Seite ist aus der Perspektive des nicht-manifesten, ungeborenen, leeren Urgrunds allen Seins, der nie mit Zeit in Berührung kam, alles immer schon vollkommen. Nichts ist je geschehen, und so bleibt Gott ewig, friedlich und glückselig. Doch der Teil Gottes, der sich manifestiert hat, der entschieden hat, das Universum zu erschaffen, erlebt eine ständige ekstatische Dringlichkeit. Die Intensität dieses Dranges ist emotional, psychologisch, spirituell, philosophisch und physisch überwältigend. Und was sich in Herz und Seele des Menschen erhebt, wenn wir zum Authentischen Selbst, zum spirituellen Impuls erwachen, ist die beginnende Erkenntnis der Tatsache, dass wir alle auf der höchsten Ebene unseres Seins jene manifeste Dimension Gottes sind, jene Energie und Intelligenz, die den ganzen kreativen Prozess initiiert hat.
Mit dem Erwachen zum Authentischen Selbst wird uns dieser evolutionäre Impuls intuitiv deutlich und wir fangen an, uns mit dieser drängenden Energie und Intelligenz direkt verbunden zu fühlen. Wir fühlen dann tatsächlich, wie dieser Impuls in uns zu wirken beginnt und sich als geheimnisvoller Drang zur Entwicklung auf höchster Ebene in unserem Körper und Geist und durch uns bewegt. Wenn wir diesen Drang fühlen, erleben wir den subtilsten und tiefsten Ausdruck der ersten kosmischen Explosion — den weitesten Ausläufer des Urknalls. Soweit wir bis jetzt wissen, ist das der äußerste Punkt, wohin er vorgedrungen ist: dort, wo wir an der Spitze der Entwicklung für diesen geheimnisvollen Drang zur Evolution auf der Ebene unseres eigenen Bewusstseins erwachen. Wenn wir also diesen spirituellen Impuls verspüren, erleben wir den Urknall als einen Drang nach innerer Entwicklung und Wachstum. Die innersten Bereiche des Kosmos streben danach, sich tatsächlich in uns und durch uns zu entwickeln. Das Authentische Selbst ist das innere Erleben dieses ursprünglichen Ausbruchs vom Nichts in Alles, woran wir vor 14 Milliarden Jahren teilhatten. Auf der Ebene des Bewusstseins gibt es einem das Gefühl, dass es etwas unvorstellbar Wichtiges gibt, das JETZT geschehen muss.
Andrew Cohen