Der Guru & der Pandit:
Andrew Cohen & Ken Wilber im Dialog
“Integrale Post-Metaphysik und der Mythos des Gegebenen”
Andrew Cohen: Ich habe gerade dein wunderbares neues
Meisterwerk Integral Spirituality zu Ende gelesen und darüber
wollen wir heute sprechen. Du beginnst das Buch mit der
Feststellung, dass die Metaphysik der großen spirituellen
Traditionen nicht nur von den zu erwartenden Seiten – den
modernen wissenschaftlichen Materialisten – verworfen wird,
sondern auch von der postmodernen Revolution, und zwar deshalb,
weil die Traditionen nicht in der Lage waren, den
herausfordernden Einsichten der großen Philosophen der
Postmoderne etwas entgegenzusetzen. Dabei triffst du die
provokante Feststellung: "Für sie [die Traditionen] gibt es
immer noch keinen überzeugenden Ersatz." Dies ist das
grundlegende Thema des Buches – es erläutert auf zutiefst
einleuchtende Weise, warum die Traditionen gegenüber der
postmodernen Kritik versagt haben, und betrachtet Religion und
Spiritualität zugleich auf eine neue Weise, welche die
Fallstricke einer überholten Metaphysik vermeidet. Das war
natürlich auch ein zentrales Thema der meisten unserer
Diskussionen der vergangenen Jahre, doch die Lektüre von
Integral Spirituality hat mich sehr beeindruckt, und ich habe
dadurch tiefer in die Natur unseres spirituellen Dilemmas
schauen können.
Ken Wilber: Ja. Ich halte es für die große Katastrophe der
modernen und postmodernen Welt, dass die Spiritualität, die
höhere Spiritualität, wie von dir erwähnt, umgebracht wurde, und
zwar nicht nur von der gnadenlosen Wissenschaft und dem
Newtonschen/Cartesianischen Paradigma, sondern auch von den
Geisteswissenschaften. Die gesamte mystische Spiritualität wurde
von den Geisteswissenschaften über Bord geworfen, weil sie in
einem überholten metaphysischen System gefangen war. Und was
dabei ganz wichtig ist: Weil mystische Spiritualität
monologisch ist, konnte sie nicht verstehen, was die
Postmodernen mit dem "Mythos des Gegebenen" meinen.
Cohen: Ich finde deine Erläuterung des Mythos des Gegebenen
extrem überzeugend und hilfreich. Vielleicht können wir unsere
heutige Diskussion damit beginnen, zu besprechen, was der
"Mythos des Gegebenen" ist.
Wilber: Der Mythos des Gegebenen ist eines der Hauptthemen
des Buches. Es ist die Überzeugung, dass die Welt so, wie sie in
meinem Bewusstsein erscheint, so, wie sie mir gegeben ist, auf
grundlegende und begründende Weise real ist, und dass ich daher
meine Weltsicht auf dem aufbauen kann, was immer sich in meinem
Bewusstsein zeigt. Ich sehe beispielsweise einen Felsen vor mir;
ich betrachte ihn als real. Ich erfahre Ärger; ich betrachte
diese Erfahrung als real. Doch der springende Punkt dabei ist,
dass, was immer sich unserem Bewusstsein zeigt, schon in
kulturelle und viele andere Zusammenhänge eingebettet ist, die
eine Interpretation und Konstruktion unserer Wahrnehmungen
bewirken, bevor diese überhaupt in unser Bewusstsein eintreten.
Was wir also als real bezeichnen oder als gegeben annehmen, ist
eigentlich konstruiert – es ist Teil einer Weltsicht.
Cohen: Die Tatsache, dass unsere Welt eher von uns
konstruiert wird als objektiv statisch gegeben ist, ist immer
wieder eine neue Offenbarung. Dies ist eine zutiefst
herausfordernde Einsicht: Es gibt nur sehr wenig, was wirklich
vorgegeben ist und die Art, wie wir alles wahrnehmen, ist ein
kreativer und kokreativer Vorgang. Wie du in Integral
Spirituality sehr klar erläuterst, sind diese in der Tiefe
wahrnehmenden Strukturen intersubjektiv im Bewusstsein
erschaffen worden und haben sich ganz allmählich entwickelt,
über Tausende und Tausende von Jahren. Es ist aufregend und
furchterregend zugleich, wenn man zu erkennen beginnt, wie tief
konditioniert dieser interpretierende Prozess im Grunde ist. Man
wird unmittelbar mit dem Arbeitsmechanismus des eigenen
Selbst-Systems konfrontiert, und wenn das geschieht, dann kann
dieser Prozess zu einem Objekt des eigenen Bewusstseins werden,
statt eine unbewusste subjektive Erfahrung zu sein. Auch wenn
ich geglaubt habe, ich hätte das bereits verstanden, hatte ich
doch beim Lesen immer wieder das Gefühl, mir würde der Teppich
unter den Füßen weggezogen, einfach wegen der zutiefst
verankerten Gewohnheit, von "Gegebenem" auszugehen, welches so
viel von unserer Erfahrung definiert. Ich kann gar nicht sagen,
wie oft sich mir beim Lesen des Manuskriptes alles zu drehen
begann, ich fühlte mich zugleich in Hochstimmung, aus dem
Gleichgewicht geworfen und zutiefst inspiriert.
Wilber: Ich finde es interessant, dass man auch mit einem
erleuchteten Bewusstsein noch eine Satori-Erfahrung haben kann,
indem man diesen einfachen Punkt versteht, auf den Immanuel Kant
und so viele der modernen und postmodernen Theoretiker
hingewiesen haben, nämlich dass unsere Wahrnehmungen Konzepte
sind [our perceptions are conceptions] – was wir sehen ist in
gewissem Maße konstruiert. Unsere Wahrnehmung ist nicht
ausschließlich ein soziales Konstrukt, ein Produkt unseres
kulturellen Bewusstseins – diese Schlussfolgerung würde zu weit
gehen, und leider gehen viel zu viele Postmodernisten in diese
Richtung. Doch praktisch alle ernst zu nehmenden modernen und
postmodernen Philosophen stimmen darin überein, dass das, was
wir wahrnehmen, zum Teil konstruiert ist.
Wenn es um spirituelle Erfahrungen geht, wird das sehr
deutlich. Betrachtet man beispielsweise die spirituellen
Erfahrungen erleuchteter Heiliger und Weiser des Westens, dann
gibt es viele Berichte von engelgleichen Wesen oder Lichtwesen.
Was man jedoch bei keinem der Heiligen und Weisen des Westens
findet, ist ein Wesen mit zehntausend Armen. Dieses wiederum
taucht häufig in tibetischen Beschreibungen auf. Tibetern
erscheint die zehntausendarmige Göttin Avalokitesvara häufig in
ihren Träumen, und sie glauben, dies wäre die tatsächliche
Gestalt Gottes. Es ist die Gestalt Gottes in Tibet, aber nicht
in Deutschland.
Cohen: Es sei denn, der oder die betreffende Deutsche
studiert den tibetischen Buddhismus!
Wilber: Genau! Worum es dabei geht ist, dass wir es mit
authentischen spirituellen Erfahrungen zu tun haben, die jedoch
kulturell geformt sind. Nimmt man jedoch eine dieser
spirituellen Erfahrungen und sagt: "Das ist universell gültig",
dann ist das eine Lüge. Diese Erfahrung wurde kulturell
geschaffen und geprägt, jedoch für die Person, die diese
Erfahrung macht, ist das nicht erkennbar. Die Betreffenden sind
in einer Version des Mythos des Gegebenen gefangen. Ein
Wissenschafter befindet sich in demselben Dilemma. Wenn ein
wissenschaftlicher Materialist behauptet: "Alles, was ich in der
sensomotorischen Welt wahrnehme, ist wirklich, denn das ist, was
wirklich gegeben ist", sitzt er oder sie ebenfalls in der Falle.
Es ist nicht gegeben – es ist konstruiert. Jedes Mal, wenn wir
in einem Zustand oder auf einer Stufe, in einer Struktur oder
auf einer Ebene unseres Bewusstseins annehmen, dass, was immer
dort vorhanden ist, wirklich sei, dann sind wir im Mythos des
Gegebenen gefangen.
Cohen: Es ist interessant – der Grund, seinerzeit die
Zeitschrift What Is Enlightenment? zu gründen, als Forum für
genau diese Art Diskussion, wie wir sie jetzt führen, war, dass
ich in meinen frühen Jahren als Lehrer immer wieder auf das
gestoßen bin, was wir jetzt als die vielen Formen des Mythos des
Gegebenen bezeichnen und die mich persönlich enorm verwirrt
haben. Ich war ein junger jüdisch-amerikanischer Lehrer, der
östliche Erleuchtung in einem postmodernen westlichen Kontext
lehrte, und das brachte mich in eine ungewöhnliche und sehr
herausfordernde Position. Ich konnte beobachten, wie sehr viele
westliche Menschen, die sich dem östlichen Weg zuwandten, den
prä-modernen Aberglauben und den metaphysischen Ballast
unhinterfragt übernahmen, was aber in einem postmodernen
Zusammenhang keinen Sinn mehr macht. Ich fand heraus, dass sich
viele der "absoluten Wahrheiten", die von meinen östlichen
Lehrern behauptet wurden, lediglich als Interpretationen
früherer Zeiten und Kulturen herausstellten.
Wilber: Genau. Ein in seiner Höhle sitzender tibetischer Yogi
glaubt, dass er über zeitlose Wahrheiten meditiert, Wahrheiten,
die für jedermann gleichermaßen gültig sind, wohingegen ein
guter Teil davon lediglich tibetische Bräuche sind.
Cohen: Diese Erkenntnis war letztlich der Auslöser dafür,
dass ich mir die Frage "Was ist Erleuchtung?" stellte und damit
traditionelle Interpretationen spiritueller Erfahrungen zu
hinterfragen begann. Mit der Zeit führte dies zu einer
fortlaufenden Untersuchung dessen, was du als post-traditionelle
und post-metaphysische Interpretationen tiefer spiritueller
Einsichten bezeichnen würdest: Wie könnte die Grundlage einer
Religion der Zukunft aussehen?
Dabei bin ich immer wieder darauf gestoßen, dass zwar
einerseits das Wesen oder das Fundament eines erleuchteten
Verständnisses die tief greifende Erfahrung der Leere oder des
Seinsgrundes ist, den wir in den höheren Bewusstseinszuständen
entdecken. Andererseits erschreckt uns dieser bodenlose Grund
zutiefst. Und so gern wir uns auch selbst davon überzeugen
wollen, dass wir an der Erfahrung der Leere oder des
Omegapunktes interessiert sind, so klammern wir uns zumeist doch
lieber an das, was uns ein Gefühl von Sicherheit gibt, und das
sind eben die kulturellen Konstrukte und metaphysischen Rahmen,
welche diesen Offenbarungen Halt geben.
Wilber: Stimmt.
Cohen: Ein gutes Beispiel dafür war eine Erfahrung, die ich
im vergangenen Jahr hatte, als ich einen wunderbaren indischen
Swami in Dänemark besuchte – einen sehr schönen älteren Mann,
der von vielen liebenden und hingebungsvollen Schülern umgeben
war. Wir lehrten gemeinsam, und hinterher hatte ich mit einem
seiner engeren Schüler ein Gespräch über das Wesen Gottes. Ich
erläuterte, dass es von einem evolutionären Kontext her
betrachtet nicht mehr als unveränderlich gegeben angesehen
werden kann, wer und was Gott ist – und dass sich Gott – von
einer Entwicklungsperspektive her betrachtet – auch entwickelt,
so wie wir. Das war ein spannender Moment, denn dieser Mann
hatte anfänglich einen sehr liebevollen und engelsgleichen
Gesichtsausdruck, doch als ich dies sagte, fiel ihm buchstäblich
die Kinnlade herunter – er bekam es mit der Angst zu tun, war
schockiert und sogar etwas verärgert. Er stand jäh auf und ging.
Hier handelte es sich also um einen Menschen, der offensichtlich
höhere Bewusstseinszustände erfahren und dadurch ein tiefes
Vertrauen in die absolute Dimension des Lebens gewonnen hatte.
Und doch bedeutete für ihn der Gedanke, dass seine festgefügte
Vorstellung von Gott möglicherweise keineswegs so festgefügt
sein könnte, eine zutiefst existenzielle Bedrohung.
Wilber: Das ist ein weit verbreitetes Problem. Es stammt aus
der Zeit der großen metaphysischen Traditionen im Osten und
Westen – Sufismus, Buddhismus, Neo-Konfuzianismus, Christentum,
Taoismus -, die alle zu einer Zeit entstanden, als sich die
durchschnittliche Bewusstseinsentwicklung auf der mythischen
oder prämodernen Entwicklungsstufe befand. Daher wurden diese
mythischen metaphysischen Systeme zur Interpretation der höheren
Bewusstseinszustände angewendet. Heute wissen wir, dass diese
Systeme überholt sind. Sie ermöglichten zu ihrer Zeit gute
Interpretationen, doch in unserer heutigen modernen und
postmodernen Welt sind sie für eine Interpretation authentischer
spiritueller Zustände ungeeignet.
Cohen: Weil wir heute sehr viel mehr darüber wissen, wie wir
unsere Erfahrung interpretieren können.
Wilber: Genau. Die Welt der Formen hat sich geändert und die
Welt der Moderne und der Postmoderne hat entscheidende
Durchbrüche für unser Verständnis der Welt der Formen gebracht.
Die Herausforderung für junge Menschen besteht heute darin, eine
post-metaphysische Spiritualität zu schaffen, die sowohl den
Mythos des Gegebenen, als auch die Anforderungen der Moderne und
der Postmoderne versteht.
Cohen: Das ist sehr aufregend – und das ist wirklich eine
Herausforderung. Ich meine, es ist eine Sache, die Vorstellung
des Mythos des Gegebenen kognitiv zu begreifen, um allerdings
in der Lage zu sein, sich mit den tief greifenden
Schlussfolgerungen auseinander zu setzen – emotional,
psychologisch und spirituell -, benötigt man ein gehöriges Maß
an authentischer Freiheit und erleuchteter Bewusstheit. Man darf
sich dabei einfach nicht zu sehr an irgendeine grundlegende
Vorstellung über das Wesen oder die Struktur der Wirklichkeit
klammern.
Deine Gedanken zu einer post-metaphysischen Spiritualität
haben einen gewaltigen Eindruck bei mir hinterlassen, vor allem
im Hinblick darauf, wie ich mich und meine Arbeit als Lehrer
der Erleuchtung am Beginn des 21. Jahrhunderts wahrnehme. Vor
allem der Gedanke, dass die höheren Stufen oder Ebenen nicht als
etwas Vorgegebenes existieren, ist immer wieder unglaublich
anziehend für mich; das heißt, sie sind nicht "gegeben", sondern werden durch mutige
Individuen buchstäblich erschaffen, Menschen, welche sich auf
neues, noch nicht vermessenes Terrain begeben und somit
"kósmische Spuren" schaffen, denen andere folgen können, was
dann eventuell zu neuen Strukturen oder Stufen führt.
Die Tatsache, dass die Zukunft an sich auf den subtilsten
metaphysischen Ebenen buchstäblich noch nicht existiert, fordert
unsere grundlegendsten spirituell/religiösen Vorstellungen auf
jede erdenkliche Weise heraus; doch wenn wir dafür bereit sind,
kann dies zu einer Quelle gewaltiger Inspiration und Hoffnung
werden.
Wilber: Absolut. Auch für mich ist der Weg in diese
post-metaphysische Welt der Spiritualität das große, große
aufregende Abenteuer, welches vor uns liegt.
Cohen: Am aufregendsten dabei ist möglicherweise für das
postmoderne Selbst die Entdeckung, dass wir tatsächlich
buchstäblich die Zukunft erschaffen, was in den Begriffen einer
post-metaphysischen Weltsicht bedeutet, dass wir nicht vom
kreativen Prinzip oder dem göttlichen Impuls an sich getrennt
sind – Gott entwickelt sich, indem wir uns entwickeln.
Wilber: Ich glaube, das stimmt.
Cohen: Ich habe dem Schüler des dänischen Swamis gesagt, dass
Gott nicht fix und fertig auf einer Wolke sitzt und darauf
wartet, dass wir IHN (oder SIE) möglicherweise eines Tages
einholen!
Wilber: [lacht]
Cohen: Und genau dieser Augenblick jetzt, ist, sofern man
sich mit seinem ganzen Wesen hineinbegibt und nach der Zukunft
greift, potenziell die Grenze des Möglichen – mit nichts weiter vor sich als vielleicht einer innewohnenden Tendenz, sich in eine bestimmte Richtung zu neigen.
Wilber: Von Albert Einstein wird gesagt, dass er folgendes Gedankenexperiment durchführte, als er über die Relativität nachdachte. Er stellte sich folgende Frage: Wenn man buchstäblich am Ende eines Lichtstrahles sitzend einen Spiegel vor sich hinhält, könnte man sich dann selber sehen? Die Antwort ist nein, denn wenn nichts sich schneller bewegt als das Licht, dann kann das Licht nicht zum Spiegel gelangen und das eigene Abbild widerspiegeln, daher würde man nichts sehen. Das gibt ein weiteres gutes Bild ab für die Grenzlinie der Evolution. Es gibt nichts in der Zukunft, das man sehen kann. Wir erschaffen sie, indem wir dort hineingehen. Und es kann einem einen ganz schönen Schrecken einjagen, wenn man in einen Spiegel schaut und nichts sieht -
Cohen: – und es kann absolut spannend sein.