Himmel, Erde und Schöpfung

Im folgenden Kapitel seines Buches An Unconditional Relationship to Life von 1995 beschreibt Andrew Cohen einen Wendepunkt seines eigenen Verständnisses von der Bedeutsamkeit der Erleuchtung.

Drei Wochen nachdem ich meinen letzten Lehrer getroffen hatte, saßen wir schweigend in einem Park in Lucknow im Norden Indiens. Ich war versunken in meine neueste Erkenntnis, dass alles einfach IST. "Es gibt nichts zu tun und wir brauchen nirgendwo hinzugehen", sagte ich, das Schweigen brechend. "Nach dem Erwachen sieht man, dass sich nichts verändern muss, weil alles perfekt ist, so wie es ist."

"Sehr gut", antwortete er.

Kurz darauf fragte ich ihn: "Warum hat der Buddha dann eine Sangha gegründet? Warum forderte er Leute auf, die Welt aufzugeben und ihm zu folgen, um ein gemeinsames Leben der Entsagung zu führen, außerhalb und fern von der bürgerlichen Welt?"

"Das weiß ich nicht", sagte er kopfschüttelnd.

Zu jener Zeit schien dies ein Widerspruch zu der Einsicht zu sein, dass die Dinge so, wie sie sind, von Grund auf perfekt sind. Der Wunsch sich zurück zu ziehen, sich in irgendeiner Weise zu verändern, schien gerade die Antithese zu dieser radikalen Erkenntnis zu sein.

Ich wollte wissen, warum Ramana Maharshi, der Lehrer meines Lehrers, seinen Schülern davon abriet, äußerliche Veränderungen in ihrem Leben vorzunehmen, um ihnen zum Erwachen zu verhelfen, während der Buddha so viele dazu ermutigte, alles für die Erleuchtung aufzugeben. Zweifellos galten diese beiden Männer als unvergleichliche Beispiele höchster spiritueller Verwirklichung. Daher war es keine irrelevante Frage, warum ihre Lehren sich so stark voneinander unterschieden.

Erst fünf Jahre später begann ich, die Antwort auf diese Frage schließlich zu verstehen. Während des ersten Retreats, welches ich in Bodhgaya im Jahre 1991 hielt, unternahmen ich und einige meiner engsten Schüler lange Spaziergänge durch die staubigen Felder, nicht weit entfernt vom Haupttempel. Als wir so gingen und miteinander sprachen, starrte uns vom Ende der Stadt aus eine massive, friedvoll in Meditationshaltung sitzende steinerne Buddhastatue an. In jenem Moment begann ich auf eine Weise zu hinterfragen, wie ich es nie zuvor getan hatte.

Mir wurde klar, dass Erleuchtung nicht immer unbedingt ein und dasselbe war. Ich begann zu verstehen, dass, obwohl die absolute Natur der Erleuchtung dieselbe sein musste, die unterschiedlichen Ausdrucksweisen von Erleuchtung in offenbar vollkommen erwachten Individuen sich jedoch auf Schlussfolgerungen über deren Relevanz beziehen konnten, die nicht unbedingt die gleichen waren.

In den ersten Jahren meiner Karriere als Lehrer entgegnete ich spontan all jenen, die zu mir kamen, so: Erkenne und gib dich hin. Erkenne jenes Mysterium, dass der Verstand nicht begreifen kann. Wenn du dieses Mysterium entdeckt hast, dann gib dich dem, und nur dem allein, hin. Erkenntnis und Hingabe. Erkenntnis und Hingabe. Erkenntnis und Hingabe.

Erkenne, dass du nie geboren wurdest. Gib dich der Tatsache hin, dass du nie unfrei warst. Erkenne, dass es nie ein Problem gab und wende dich nie von dieser Erkenntnis ab. Gib dich allein dem hin.

Was mehr gab es dazu zu sagen? Was könnte es Weiteres geben? Nichts. Nichts. Nichts.

Diese Botschaft, diese Übertragung von Liebe und Freude strömte spontan durch mich hindurch und berührte die Herzen jener, die es wagten, auch nur für einen Augenblick zu glauben, dass es wirklich so einfach sein könnte.

Die Tatsache, dass der Himmel zum Greifen nah war, dass er nie wirklich weit entfernt gewesen war, sondern immer näher als nah gewesen war, bereit entdeckt zu werden wie eine lang verlorene Liebe, war die ständige Einsicht, die ich, und jene um mich herum, erfuhren.

Im Himmel gibt es nichts zu tun und nirgends hinzugehen. Oder doch?

Mit der Zeit und mit mehr Erfahrung begann jener aus dem Mysterium hervorströmende Impuls einen anderen Ton anzunehmen. Die Botschaft fing an sich zu verändern. Warum? Weil immer deutlicher wurde, dass Himmel und Erde nicht getrennt voneinander waren.

Im Himmel gibt es niemanden, der etwas tut. Im Himmel gibt es keinen Anderen, keine Ursache und Wirkung. Auf der Erde gibt es den Handelnden, es gibt Andere und es gibt Ursache und Wirkung.

Darin liegt die größte Herausforderung für jede authentische Lehre der Erleuchtung: Diesen perfekten Mittelweg zwischen allen Unterschieden ans Licht zu bringen – diesen bedeutendsten Punkt, an dem Himmel und Erde sich treffen und ununterscheidbar werden. Dies scheint nicht allein die größte Herausforderung für jede Lehre der Erleuchtung zu sein, sondern auch für jene die nach ihr suchen. Dieser unglaublich subtile Punkt war scheinbar leicht zu übersehen. Obwohl die tiefste spirituelle Einsicht genau diesen perfekten Mittelpunkt, an dem Himmel und Erde zusammenkommen, offenbarte, schienen wenige in der Lage zu sein, die Tiefe dieser Transparenz für mehr als nur einen Augenblick aufrechtzuerhalten. Tatsächlich enttarnte sich die vermeintliche Suche nach Erleuchtung bei näherem Hinschauen oft als nicht anderes als ein Versuch, der Erde zu entfliehen. Bei dieser Flucht wurde die entscheidende Grundlage von Ignoranz – die dualistische Beziehung zum Leben – nicht nur nicht zerstört, sondern wurde unbewusst sogar noch vertieft.

Deshalb hatte die Botschaft begonnen sich zu ändern. Deswegen wurde die Tatsache, dass Himmel und Erde nicht von einander getrennt sind, jetzt zu meinem ständigen Leitsatz.

Was sich dann eröffnete, war unglaublich. Die aus diesem Mysterium hervorströmende Botschaft enthüllte jetzt eine Sichtweise, in der die Erde nicht verschwinden musste, um den Himmel zu verwirklichen. Noch wichtiger war, dass es nicht ausreichte, den Himmel zu erkennen – denn jetzt wurde es eine unvermeidliche und unabwendbare Notwendigkeit, den Himmel auf Erden buchstäblich zu manifestieren, damit das Erwachen wirkliche Tiefe erhielt. Dieser Schritt – die lebendige Tatsache des Himmels, der Einheit, in Zeit und Raum zum Leben zu erwecken – zeigte sich als eine evolutionäre Dringlichkeit. Der Aufruf, dieses Ungeteilte zu sein, überstieg die Bedeutung der bloßen Erkenntnis des Ungeteilten.

Das damit verbundene ekstatische Gefühl war kaum zu fassen, denn der evolutionäre Impuls, der sich durch uneingeschränkte Energie ausdrückte, zielte allein darauf ab, dass sich diese vollkommene Liebe und Einheit in Zeit und Raum manifestieren konnten. Als was? Als perfekte Beziehung zwischen Selbst und Anderen, Selbst und der Welt. Die Bedeutung der Nicht-Dualität schien eine noch höhere Bedeutung zu bekommen. Der Himmel war nicht von der Erde getrennt. Jedoch musste diese Tatsache jetzt bewiesen werden – durch den bedingungslosen Willen, selbst der lebendige Ausdruck dieses Ungeteilten zu werden.

Die Bewegung des Urknalls, der Schöpfung an sich, war in all ihrer Größe enthüllt. Wie durch ein Wunder wurden diejenigen Strukturen, welche die Ignoranz tragen und aufrechterhalten und die Evolution verhindern, durchschaubar. Gleichzeitig traten Strukturen in Erscheinung, die Liebe und Einheit enthalten und erhalten. So vieles wurde möglich, und so viel Leidenschaft darüber, diese Möglichkeit zu erkennen, kam zum Ausdruck. Tatsächlich schien es, als gäbe es so viel zu tun!

Der Aufruf, das Ungeteilte zu sein, ließ keine Möglichkeit mehr offen, um der Erde zu entfliehen. Dieser Aufruf verlangte in der Tat, dass alle Impulse, getrennt zu bleiben, transzendiert werden müssen. Es wurde offensichtlich, dass dem Individuum die Manifestation dieser Transparenz nur durch die vollständige Aufgabe und Transzendenz jedes Impulses, getrennt zu sein, gelingen würde. Wobei jene Transparenz genau der Ausdruck des Punktes war, an dem Himmel und Erde auf einander treffen und nicht mehr von einander zu unterscheiden sind.

Auf dem Rückweg zum Haupttempel wurde deutlicher als je zuvor, wie stark meine Perspektive sich geändert hatte. Es schien, als ob Ramana Maharshi und der Buddha über zwei unterschiedliche Formen von Erleuchtung sprachen. Ich hatte keine Zweifel daran, dass diese beiden außerordentlichen Männer das Wunder tiefen spirituellen Erwachens – dem Erkennen und beständigem Verweilen an jenem perfekten Mittelpunkt zwischen allen Gegensätzen – vollends verkörperten. Dennoch deuteten die Ausdrucksweisen dieser Einsichten auf die Tatsache hin, dass die jeweiligen Schlussfolgerungen, zu denen sie gekommen waren, nicht unbedingt die gleichen waren. Ramana Maharshi wies anscheinend darauf hin, den Himmel zu erkennen und ständig darin zu verweilen. Der Buddha betonte die Notwendigkeit, den Himmel auf Erden zu erschaffen. Jetzt wurde deutlich, warum der eine seinen Schülern davon abriet, Veränderungen in ihrem Leben vorzunehmen, während der andere, aus demselben Grund, so viele dazu ermutigte, alles aufzugeben und zusammenzukommen.

Drei Jahre später besuchte ich einen Gelehrten der Kabbala, welcher mit seiner Familie in einem kleinen Dorf in der Wüste nahe Tel Aviv wohnte, indem chassidische Juden lebten.

"Das grundlegende Prinzip im mystischen Judentum heißt 'ratzo vashov'", erklärte er. "Ratzo vashov steht für eine andauernde, lebendige Dynamik der Bedeutung von Gehen und Wiederkehren. Gehen und Wiederkehren heißt, die Begrenztheit zu verlassen und in der Lage zu sein, in diesen vorangegangen Zustand der Begrenztheit zurückzukehren, um ihn zu korrigieren ... Irgendwie hat Gott die Welt erschaffen, sodass wir sein unendliches Licht in dieses endliche Dasein bringen. Das ist der Sinn, das ist das Ziel."