Die Entdeckung einer größeren Perspektive
In dem folgenden Kapitel aus dem 1997 erschienenen Buch
An Unconditional Relationship to Life beschreibt Andrew
Cohen die Entwicklung und das Verständnis der Bedeutsamkeit von
Erleuchtung anhand einer Beobachtung, die er machte, als seine
Schüler sich in einer höheren Einheit begegneten, die
offensichtlich das individuelle Bewusstsein transzendierte.
Wie bei den meisten, war auch meine eigene Suche nach
Erleuchtung zuerst auf mich selbst gerichtet. Die tieferen
Implikationen der Befreiung waren mir bei weitem nicht bewusst.
Ich wollte endgültige Befreiung von Angst und Unsicherheit, und
mehr noch, ich wollte mich, wie bereits einmal zuvor, ein für
alle Mal über alle Zweifel hinaus davon überzeugen, dass meine
Existenz nicht vom größeren Leben getrennt war. Als dies für
wenige kurze Wochen mit meinem Lehrer auf wundersame Weise
geschah, war ich schockiert. Zu meinem Erstaunen wurde der
Schock in den darauf folgenden Wochen immer größer, als das
gleiche Ereignis–das Mysterium der
Selbsterkenntnis–auch alle in meinem Umfeld erfasste. Bald
allerdings verwandelte sich der Schock in Faszination, als ich
etwas noch viel Mysteriöseres als den Moment der
Selbsterkenntnis beobachtete, nämlich die Auflösung des
getrennten Selbst bei all jenen, die das Selbst erkannt hatten.
Die Ekstase der vollkommenen Nähe und das absolute Vertrauen
offenbarten eine Freiheit des Seins, die langsam mehr an
Bedeutung gewann, als die Befreiung des einzelnen
Individuums.
In den ersten Wochen meiner Entwicklung als Lehrer lag
die Betonung allein auf der Befreiung des Individuums, aber ich
konnte nicht darüber hinwegsehen, dass etwas viel Bedeutsameres
geschah. All jene, die längere Zeit mit mir verbrachten, schien
eine Perspektive zu verbinden, die sich letztendlich als viel
wichtiger erwies als die Erfahrung des Einzelnen. Diese
Perspektive war die Erkenntnis, dass es kein Zweites gibt.
Die Ekstase der Gemeinschaft war mir gleich zu Anfang meiner
Lehrtätigkeit aufgefallen. Zu der Zeit lebte ich mit sieben
Leuten für zwei Monate in Rishikesh in Nordindien. Während wir
die Tage und Nächte zusammen verbrachten, versunken im
Glücksgefühl der Selbsterkenntnis, war das Mysterium der
Zeitlosigkeit wie ein uns umgebendes Energiefeld. Zusammensein
war wie allein sein und in diesem Alleinsein brauchte man
nirgendwo hinzugehen. Es schien, als ob durch das Zusammensein
die Illusion der Individualität sogar noch deutlicher wurde. Die
Grenzen zwischen innen und außen hatten sich völlig
aufgelöst–es war oft schwierig zu sagen, wo der eine
aufhörte und der nächste begann.
Kurze Zeit später wurde ich nach England eingeladen, und
innerhalb weniger Wochen versammelten sich viele Menschen, um
meine Lehre zu hören. Und obwohl ich, wie ich selbst es gelernt
hatte, noch immer die Befreiung des Individuums betonte,
schienen die Menschen um mich herum nicht nur Befreiung dadurch
zu erfahren, dass sie Zeit mit mir verbrachten, sondern einfach
durch das Zusammensein miteinander.
Einige Monate später ließ ich mich in Holland nieder. Dort
hatte ich keinen Zweifel mehr daran, dass die Bedeutung dessen,
was die Individuen, die zu mir gekommen waren, miteinander
erfuhren, weit über die Motive hinaus ging, die sie oder ich
anfänglich hatten. Mein ursprüngliches Motiv als Lehrer war es
gewesen, das Individuum zu befreien. Das Motiv, das viele
Menschen zu mir geführt hatte, war Freiheit für sich selbst zu
finden. Nun aber fanden wir uns alle inmitten von etwas ganz
anderem wieder. Wir schwammen in einem Ozean des Seins und es
wurde deutlich, dass das, was sich da spontan im kollektiven
Bewusstsein zeigte, das evolutionäre Potenzial der Menschheit
als Ganzes war.
Eine neue Bedeutung
Nach zwei Jahren in Europa zog ich nach Massachusetts.
Viele Leute entschlossen sich dazu, mir dorthin zu folgen und so
fand ich mich bald in einer interessanten Lage wieder. Ich
erkannte, dass hier etwas geschah, das sich sehr von dem
unterschied, was ich bei meinem Lehrer gelernt hatte, und was
ich anfänglich auch dachte, selbst zu lehren. Erleuchtung, die
über die Befreiung des Individuums hinaus ging, manifestierte
sich klar und deutlich vor meinen Augen und diese Tatsache
musste nun von mir und meinen Schülern berücksichtigt werden.
Was war die Bedeutung dessen, was sich vor meinen Augen
entfaltete und eine ganz andere Richtung einschlug, als ich
anfänglich dachte? Es schienen viele und weitreichende
Implikationen zu sein, und vor allem hatte es für jeden
einzelnen der Beteiligten eine besondere Bedeutung.
Wir begegneten uns in einer Art und Weise, in der die
Erfahrung des Individuums weniger Bedeutung zu haben schien, als
der kollektive Kontext, in dem sie sich ereignete. Dieser
Kontext war die vollkommene und ungebrochene Einheit im Erkennen
des Selbst. Es schien, dass gerade durch diesen Kontext der
evolutionäre Impuls sich auf eine seltene und bemerkenswerte
Weise entfalten und ausdrücken konnte. Das kollektive
Bewusstsein schien zu verlangen, dass alle beteiligten
Individuen sich zu einer höheren Ebene des Seins entwickeln. Es
war faszinierend zu sehen, wie sich in der Gruppe als Ganzes die
Geburt eines spirituellen Bewusstseins vollzog, das in der Lage
war, mit größerer Tiefe zu sehen und zu fühlen als viele der
Individuen allein. Im Zusammensein wurde die störende Präsenz
des Egos nicht nur dem Einzelnen, sondern auch dem kollektiven
Bewusstsein der Gruppe deutlich. Jedes Bedürfnis getrennt zu
sein, das seinen Ursprung in der Angst vor dieser Einheit hatte,
wurde in einer starken aber potenziell befreienden Art und Weise
offensichtlich. Für diejenigen, die ernsthaft frei sein wollten,
wurde es zunehmend einfacher zu erkennen, was immer im Weg zur
Freiheit gestanden hatte. Und noch wichtiger war, dass die
Geburt dieses Kontextes den Weg zu vollkommener Transzendenz
buchstäblich und unzweideutig für alle erkennbar offenbarte.
Wahrhafte Befreiung war nicht länger eine entfernte
Möglichkeit, sondern ein lebendiges Potenzial für diejenigen,
die den Mut besaßen, loszulassen. Und was fast noch bedeutsamer
war, war die Tatsache, dass das gleichzeitige Erkennen der
Einheit durch so viele ein aufregendes evolutionäres Potenzial
erkennen ließ. Es schien jeden, der sich dessen bewusst wurde,
dazu aufzurufen, alle Hindernisse zu dieser Einheit hinter sich
zu lassen, sodass die Tatsache der Einheit in dieser Welt
manifestiert werden könnte, nicht nur als ein inneres Wissen des
Einzelnen, sondern als eine objektive Tatsache, die viele
Menschen miteinander verwirklichen. Es schien, dass sich
wirklich der Himmel auf Erden manifestieren könnte, wenn einige
Menschen es mit aller Kraft wollen.
Die Verbindung der Liebe und der mystischen Einheit, welches
uns alle zusammengebracht hatte, offenbarte die Tatsache, dass
bei den Beteiligten Einvernehmen bestehen musste bezüglich der
Forderung, sich einem höheren Prinzip zu verpflichten.
Zu oft bleibt die Erfahrung der mystischen Einheit nur eine
Erkenntnis des außerordentlichen evolutionären Potenzials des
Menschen. Wenn der Schatten, den das Ego normalerweise wirft,
sich zeitweilig auflöst, offenbart das Licht der lebendigen
Wahrheit ungehindert nicht nur die herrliche innewohnende Vollkommenheit des Lebens, sondern auch wie sich diese Vollkommenheit in einer scheinbar unvollkommenen Welt ausdrücken kann. Wenn sich dieser Weg zeigt, wird alles möglich. Aber diese Möglichkeit wird fast nie verwirklicht und wenn, bleibt sie meistens auf ein einzelnes Individuum begrenzt. Doch wenn die spirituelle Vision sich nicht über das Individuum hinaus manifestiert, kann sich das ihr innewohnende tiefe evolutionäre Potenzial nicht wirklich entfalten.