Warum bist du umstritten?

6.Teil eines Multimedia Interviews mit Andrew Cohen

F: Im Laufe der Jahre hast du wirklich den Ruf erlangt, sehr offen und kompromisslos zu sein, was dazu geführt hat, dass du sehr prominente Befürworter aber auch einige sehr lautstarke Kritiker gefunden hast. Woran, meinst du, liegt es, dass die Leute auf dich so extrem reagieren?

A: Weil ich versuche etwas neues zu schaffen, etwas dass noch nie vorher geschehen ist. Und das provoziert ungeheuren Widerstand. So funktioniert die Evolution – das Alte widersteht dem Neuen immer. Und oftmals begegnet gerade jenen Menschen der größte Widerstand, die hervortreten, um eine Vision von etwas zu verfolgen, was noch nicht entstanden ist.

Seit ich angefangen habe zu unterrichten besteht meine ganze Geschichte aus diesem Himmel-und- Hölle-Erlebnis - auf der einen Seite surfe ich ständig den Kamm einer Welle der evolutionären Entstehung und gleichzeitig sehe ich mich gewaltiger Opposition gegenüber, sowohl in spirituellen Kreisen, als auch von meinen eigenen Schülern, Leuten, denen ich sehr nahe stand.

Schon seit Jahren sage ich, dass alle erleuchtet werden wollen, aber sich niemand verändern will. Es ist ein eigenartiges Paradox, mehr und mehr Menschen werden sich heutzutage des spirituellen Impulses bewusst, aber sehr wenige wollen wirklich ein anderer Mensch werden. Und ich verlange von den Leuten, sich auf eine ganz bestimmte Weise zu verändern – nämlich über das Ego hinauszugehen. Und ich habe auf die harte Tour herausgefunden, dass niemand das tun will. Intellektuell verstehen mich die Leute, und sagen Ja dazu. Aber wenn es wirklich darauf ankommt, zeigt sich oft, dass die emotionale Herausforderung für die Meisten einfach zu groß ist. Weil ich mich dem Ego also wirklich stelle, rufe ich in gewissem Sinne den Drachen aus seiner Höhle hervor und kämpfe mit ihm. Es ist nicht so, dass ich die Leute nicht warne. Ich spreche viel darüber, dass über das Ego hinauszugehen das Schwierigste ist, was ein Mensch je tun könnte – außer sich dem eigenen physischen Tod stellen zu müssen. Und trotzdem sind die Leute immer überrascht, wenn sie an die Grenzen ihres eigenen Willens kommen, das Ego zurückzulassen. Dann entscheiden sie plötzlich zu oft, dass es einfach zu schwer ist, obwohl sie sich selbst schon tief auf diesen Prozess eingelassen haben.

Verstehst du, wenn jemand Ja sagt zu diesem evolutionären Ruf, dann sagt er oder sie Ja zum besten Teil ihres Selbst. Und das ist ein sehr heiliger Moment. Denn wenn man den evolutionären Kontext tief verstanden hat, dann erwacht plötzlich das eigene Gewissen zu einer Verpflichtung, sich zu verändern, zu entwickeln, um der eigenen tiefsten Erfahrung der Erleuchtung würdig zu werden. Aber mit diesem Ja beginnt die Reise erst und die eigene Ernsthaftigkeit wird auf die Probe gestellt werden. Und wenn man sich von dem, zu dem man Ja gesagt hat dann zurückzieht, sagt man tatsächlich zum tiefsten Teil des eigenen Selbst Nein. Und die meisten Menschen sind nicht demütig genug, diese Tatsache zu ertragen. So lächerlich es klingen mag, das Ego wird vom eigenen Versagen sich selbst zu transzendieren, gedemütigt und damit sich die Person besser mit sich selbst fuehlen kann, muessen sie sich zu oft gegen das wenden, was sie selbst als das Heiligste erkannt haben.