Brauchen wir Gurus noch?
Fünfter Teil eines Multimedia Interviews mit Andrew Cohen
F: Viele glauben, dass der Guru ein antiquiertes Überbleibsel einer vergangenen Zeit ist, das wir für unser spirituelles Leben nicht mehr brauchen. Brauchen wir Gurus noch?
A: Nun, im Moment würde ich Ja sagen. Es ist unbedingt notwendig, einen Guru, Lehrer, Mentor/ Wegbegleiter zu haben, wenn wir anstreben, uns zu einer höheren Ebene zu entwickeln. Ohne die positive evolutionäre Spannung die ein authentisches, lebendes Beispiel einer höheren Ebene kreiert, ist es unwahrscheinlich, dass wir uns entwickeln werden, weil die meisten von uns sich einfach nicht so sehr verändern wollen. Mit meinen eigenen Schülern sind die kraftvollen Schübe evolutionärer Erleuchtung nur aufgrund großen Druckes auf die Beteiligten von meiner Seite aus geschehen, aufgrund meiner ständigen Forderung, sich jetzt zu entwickeln. Ohne diesen Anspruch sind die meisten Menschen nicht in der Lage, den evolutionären Zusammenhang in sich selbst wach zu halten. Es liegt nicht in unsere Natur, immer wieder die Grenzen unseres individuellen und kollektiven Potenzials herauszufordern. Ich sehe also im Moment die Rolle des Lehrers als grundlegenden Bestandteil der Bewegung der Evolution selbst. Irgendwann aber glaube ich, werden wir einen Punkt erreichen, an dem diese Rolle nicht mehr notwendig sein wird. Wenn genügend Individuen an einen Punkt kommen, an dem sie beständig als authentisches Selbst außerhalb des Egos leben können, wird dieses höhere Bewusstsein, dieser erleuchtete Geist, tatsächlich als Grundlage ihrer Beziehungen auftreten. Wenn das geschieht, wird die Rolle eines spirituellen Lehrers der Vergangenheit angehören. Wenn dieses Potenzial sich stabilisiert glaube ich, dass die traditionelle Funktion des Gurus durch dieses Kollektiv hindurch auf eine wundersame Weise, die es nie zuvor gegeben hat wirken kann. Aber bis zu diesem Zeitpunkt ist es unbedingt nötig, einen lebenden Lehrer zu haben.
F: Wie sieht es mit all der Korruption aus, die heutzutage unter spirituellen Autoritäten
so verbreitet ist?
A: Nun, natürlich ist die Integrität des spirituellen Lehrers absolut unabkömmlich. Aber wir müssen uns der Tatsache stellen, dass das Versagen so vieler Gurus, Priester, Lamas und Mönche in den letzten 30 oder 40 Jahren uns leider als Ausrede gedient hat, uns selbst aus der Schlinge zu ziehen. Sie haben es uns leicht gemacht, zynisch zu werden, und arrogant die Schlussfolgerung zu ziehen, dass wir es besser wissen und von niemandem Hilfe benötigen. Verstehst du, das Problem ist, dass wir mit unserem Glauben auch unsere Demut verloren haben.
Es ist auch wichtig zu verstehen, dass der Hauptgrund dafür, dass das Konzept des Gurus in unserer Kultur solche Schwierigkeiten mit sich bringt, der ist, dass wir postmodernen Narzissten Hierarchie einfach hassen. Wir wollen nicht, dass irgendjemand höher ist als wir! Selbst fűr sehr intelligente Leute ist es oft schwer zuzugeben, dass es höhere Ebenen der Entwicklung tatsächlich gibt. Warum? Weil, wenn es sie gibt, das vielleicht bedeuten könnte, dass wir selbst uns entwickeln müssten, und dass wir, Gott behüte, vielleicht etwas zu lernen haben von Leuten, die diese Ebenen wirklich erreicht haben.
Wenn wirklich eine spirituelle Revolution stattfinden soll, dann ist für uns die größte Herausforderung, Demut zu kultivieren, genug Demut um die Menschen zu erkennen, die wirklich eine höhere Ebene der Entwicklung erlangt haben und genug Mut, anzustreben, ihnen dort zu begegnen wo sie sind. Verstehst du, wenn ein Lehrer authentisch ist, wird er letztendlich nicht zufrieden sein, bis der Schüler es ihm gleichmacht oder ihn übertrifft. Ein echter Lehrer will keine Folgschaft, sondern mőchte authentische Partner in dieser großen Aufgabe der evolutionären Transformation.