Welches ist der Weg?
Dritter Teil eines Multimedia Interviews mit Andrew Cohen
F: Was ist der Pfad zur evolutionären Erleuchtung und welches sind die Hindernisse dabei?
A: Es gibt nur ein Hindernis für die Erleuchtung: das Ego. Wenn wir frei sein wollen, wenn wir erleuchtet sein wollen, dann müssen wir den Preis zahlen und dieser Preis ist der gleiche, der er vor 5000 Jahren war – der Tod des Egos. Das ist in der evolutionären Erleuchtung nicht anders: wenn die Evolution sich durch uns entfalten soll, dann müssen wir unsere Anhaftung an das Ego transzendieren. Und darum geht es auf dem Weg.
Q: Kannst du erklären, was du mit Ego meinst?
A: Das Wort Ego kann man auf verschiedene Weise definieren. In der psychologischen Definition ist das Ego das organisierende Prinzip innerhalb der Psyche. Und offensichtlich ist das nicht das Ego welches wir transzendieren wollen - das würde uns in große Schwierigkeiten bringen. Aber im spirituellen Sinn kann Ego einfach als Narzissmus definiert werden, eine tiefe, zwanghafte Faszination mit dem eigenen Selbstbild und dem Gefühl ein einzigartiges Individuum zu sein. Das setzt sich dann in eine ungesunde emotionale und psychologische Sklaverei zu einer sehr selbstbezogenen Beziehung zum Leben um. Narzissmus ist die postmoderne Krankheit und solange wir darin verloren sind, werden wir nicht in der Lage sein, auf den spirituellen Impuls und die Anforderung uns zu entwickeln, wirklich zu reagieren. Tatsächlich sind wir so stark um unser eigenes Selbstbild im Spiegel unserer Aufmerksamkeit besorgt, dass wir es sehr schwer haben, uns authentisch zu dem großen und außergewöhnlichen Lebensprozess zu beziehen, von dem wir alle ein Teil sind. Deshalb verbringen zu viele von uns letztendlich ihr Leben damit, Wasser zu treten und sich überhaupt nicht zu entwickeln. Du verstehst also, in diesem großen Zusammenhang beginnt man, das Ego in einem völlig anderen Licht als es üblicherweise der Fall ist, zu sehen: als eine buchstäblich anti-revolutionäre Kraft. Und wenn wir erkennen, wie wichtig unsere eigene befreite Teilnahme an diesem Prozess ist, dann sehen wir wie wichtig es ist, diesen Teil unseres Selbst zu Boden zu ringen und ihn vollkommen unter unserer Kontrolle zu halten. Warum? Damit er auf keinerlei Weise unsere eigenen Fähigkeit, mit ganzem Herzen an diesem Prozess teilzunehmen, verhindert.
Q: Was ist das Selbst jenseits des Ego?
A: Nun, es gibt verschiedene Ebenen dessen, was du bist, was das Selbst ist. Der tiefste Teil von dir ist das Absolute Selbst, das in und als ein unmanifester Raum besteht, jenseits von Zeit und Form. Es kann in der Meditation und in Momenten spontanen Friedens, spontaner Ekstase bewusst erkannt werden. Wenn du das Absolute Selbst erfährst, erfährst du den Teil deiner selbst, der nie geboren wurde und niemals sterben wird. Das ist der Urgrund des Seins selbst, die Leere aus der diese ganze sich entwickelnde Masse von Energie, Materie und Bewusstsein entstand. Doch dieser Seins-Grund ist, obwohl er die Quelle von endlosem Frieden, Seligkeit und Fuelle ist, nicht an dem Lebensprozess beteiligt, weil er niemals etwas geworden ist, du selbst eingeschlossen.
Dann gibt es das, was ich das authentische Selbst nenne – es lebt zwischen dem Seinsgrund und dem Ego. Das authentische Selbst ist die Manifestation und der Ausdruck der ersten Ursache, des kreativen Prinzips im erwachenden Menschen. Es ist der Teil deines manifestierten Selbst, der immerschon frei vom Ego ist. Es ist die positivste, lebensbejahende Dimension deiner selbst als inkarniertem Wesen.
Und wie gesagt, es ist schon frei! Dieses authentische Selbst braucht keine Therapie oder spirituelle Übung, um es in die Lage zu versetzen, schädliche Konditionierungen loszulassen. Es ist ein Teil des Selbst der niemals verletzt, verwundet oder traumatisiert wurde. Warum? Weil es von einer subtileren Ebene der Manifestation ausstrahlt, einer Ebene, die in dieser Welt gesehen werden kann, aber nicht von ihr stammt. Es sorgt sich leidenschaftlich um das Leben, die Wahrheit und die Evolution. Und es drückt sich immer spontan aus. Während das Ego ein Ausdruck der historischen und persönlichen Dimension des Selbst ist, ist das authentische Selbst ein Ausdruck des evolutionären Impulses im Bewusstsein, der immer unpersönlich und universell ist. Wenn unsere Aufmerksamkeit als Folge von Unwissenheit in dem groben Bereich der Wünsche und Ängste des Egos gefangen ist, ist es unmöglich, den Frieden, die Seligkeit und die Fülle des absoluten Selbst oder die ekstatische lebensbejahende Leidenschaft des authentischen Selbst zu erfahren.
F: Wie transzendieren wir dann also das Ego?
A: Indem wir das authentische Selbst entdecken und erfahren. Die meisten Leute erwachen nie zum authentischen Selbst und verstehen daher gar nicht, warum das Ego so ein Problem ist. Es ist nur die Erfahrung des authentischen Selbst, die dir verständlich macht, welch ein Hindernis das Ego tatsächlich ist und dir die unabkömmliche Stärke und Inspiration gibt, es zu transzendieren. Wenn du den Teil deiner Selbst zu fühlen beginnst, in dem das Ego nie existiert hat, und die reine Liebe zum Leben und die uneingeschränkte Leidenschaft für seine Evolution erfährst, dann wirst du, bisweilen sogar verzweifelt wollen, dass du deinen Selbst-Sinn von aller Anhaftung an das Ego und all seinen endlosen Ablenkungen befreist. Der einzige Weg über das Ego hinauszugehen, ist, mehr als alles andere über das Ego hinausgehen zu wollen.
Was bei diesem Erwachen zum authentischen Selbst so wichtig ist, ist,dass man dadurch spontan eine emotionale Verbindung mit dem großen evolutionären Kontext, von dem wir gesprochen haben, erfährt. Und dabei entdeckt man das, was wir einen moralischen Imperativ nennen könnten, in Bezug auf die Anforderung sich zu entwickeln. Er steigt aus der Tiefe deiner eigenen Seele auf - ich muss mich zum Wohle der Evolution selbst entwickeln. Bewusstsein kann sich nur durch mich entfalten und das wird nicht geschehen, ohne dass ich mich mit ganzem Herzen, bedingungslos, dem Prozess hingebe. Und was dabei bedeutsam ist, ist, dass dir das nicht von irgendwo außerhalb deines Selbst aufgezwungen wird, sondern du tatsächlich dazu erwachst. Wenn der erwachende Mensch diesen moralischen Imperativ, sich zu entwickeln, entdeckt, dann ist ein neuer Weg gefunden worden. Warum? Weil man buchstäblich in sich selbst den Grund dafür gefunden hat, ein Mensch zu sein.