08 November, 2006
Was ist Erleuchtung überhaupt?
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ... und warum meine
Schüler nie "erleuchtet" sein werden.
Diese Sache fängt wirklich an, mir Spaß zu machen! Ehrlich
gesagt, surfe ich so gut wie nie im Internet, und einige meiner
Schüler mussten mir die Pistole auf die Brust setzen, um diesen
Blog überhaupt anzufangen. Widerwillig stimmte ich zu ... und
jetzt bin ich froh, dass ich es getan habe. Es gibt so viel zu
erzählen, und ich habe das Gefühl, ich fange gerade erst richtig
an.
Eine Frage ist mir in Ihren Kommentaren zu meiner "Erklärung
der Integrität" aufgefallen, und zwar: "Warum haben
sich keine deiner Schüler bis zu einem 'erleuchteten Zustand'
entwickelt und wurden transformiert, so wie es viele Schüler, du
selbst eingeschlossen, bei Poonja wurden?" Das ist
eine wichtige Frage und auch eine sehr komplexe, denn mein
eigenes Verständnis davon, was Erleuchtung ist, hat sich durch
die Jahre hinweg so verändert, dass es mittlerweile kaum mehr
etwas mit dem zu tun hat, was mein Lehrer unterrichtete. Und die
Wahrheit ist, dass ich selbst immer noch dabei bin, all dies
herauszufinden. (Daher der Name meines Magazins!) In diesem
Artikel will ich jedenfalls versuchen, die Entwicklung meines
eigenen Verständnisses kurz zu beschreiben. Wenn Sie an einer
tiefer gehenden Erörterung meines früheren Lehrers und meiner
Meinung über seine Ansatzweise interessiert sind, lesen Sie
dieses Interview (in english), das ich Berthold
Madhukar Thompson, ebenfalls ein ehemaliger Schüler von Poonja,
vor einigen Jahren für sein Buch Die Odyssee der
Erleuchtung (2002) gegeben habe.
Als ich vor über zwanzig Jahren anfing zu lehren, hatten
viele, die Zeit mit mir verbrachten, die gleichen dramatischen,
energetischen Erleuchtungserlebnisse, die ich erfuhr, als ich
H.W.L.Poonja 1986 traf. (Die ganze Geschichte kann man in einem
kurzen Buch lesen, My Master Is My Self, das ich aus
meinen Tagebucheinträgen aus dieser Zeit veröffentlicht habe.)
Aufgrund dessen, was sich damals täglich vor meinen Augen
abspielte, dachte ich, dass so viele Leute durch ihr
Beisammensein mit mir erleuchtet werden würden, dass die Welt
bald nicht mehr wissen würde, was in sie gefahren sei! Alles
schien so einfach, direkt, anstrengungslos ... So absurd es auch
klingen mag, ich erinnere mich sogar daran, mich gefragt zu
haben, warum der Buddha seine Schüler überhaupt anleitete, zu
meditieren, um erleuchtet zu werden. Ja, das waren wilde Tage
...
Ziemlich bald stellte ich jedoch fest, dass viele der
Menschen, welche die gleiche Erfahrung gemacht
hatten wie ich, was die überwältigende Intensität und
scheinbar lebensverändernde offenbarende Kraft anbelangte,
weiterhin nicht ganz "gar" oder "fertig"
blieben – wie es umgangssprachlich heißt oder wie immer man
es auch ausdrücken will. In anderen Worten, mit der Zeit wurde
deutlich, dass die tiefe Auf- und Hingabe des Egos oder des
getrennten Selbstsinnes an Gott, oder dieses unaussprechliche
Mysterium, in den meisten Fällen nicht wirklich stattgefunden
hatte.
Nachdem ich dieses Phänomen zahllose Male beobachtet hatte,
bin ich zu der Schlussfolgerung gelangt, dass unser
Entwicklungsgrad auf der Ebene der Seele, wenn solch
eine spirituelle Erfahrung stattfindet, viel wichtiger zu sein
scheint als die Erfahrung selbst, und dass dies letztendlich der
entscheidende Faktor dafür ist, wie tief wir erwachen und uns
verändern. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass es für die
meisten von uns postmodernen, hoch gebildeten, gut situierten
Narzissten viel herausfordernder ist, unsere Seele zu
entwickeln – damit meine ich eine moralische, ethische
Ebene – , als Zugang zu höheren Zuständen nichtdualen oder
erleuchteten Bewusstseins zu finden. Gott, oder der Geist der
Erleuchtung, wird nur dann in diese Welt treten können und die
Kraft haben, sie wirklich zu transformiieren, wenn er dies durch
einen Menschen tun kann, welcher stark genug ist, die Bürde zu
tragen, das Eine ohne ein Zweites zu sein, und dabei in der Lage
ist, das individuelle Ego vollkommen in Schach zu halten. Das
ist kein Kinderspiel! Meistens sind die Kraft, Energie, Ekstase
und leuchtende Klarheit, die in der Erfahrung des erleuchteten
Bewusstseins liegen, eine zu überwältigende Versuchung für das
Ego – die Versuchung, "der eine Erleuchtete" zu
sein.
In der Tat begann meine Ernüchterung über Sri Poonjaji damit,
ihn immer und immer wieder dabei zu beobachten, wie er Leute für
'erleuchtet' erklärte und sie als Lehrer fortschickte, einfach
nur, weil sie in seiner Gegenwart die Erfahrung eines höheren
Bewusstseins oder von "Samadhi" gemacht hatten. Die
meisten von ihnen hatten dabei nicht nur noch gar nicht
angefangen, sich damit auseinander zu setzen, was es bedeutet,
das Ego zu transzendieren, sondern gleichzeitig waren viele, im
Kontext der Evolution des Bewusstseins und vertikaler Stufen der
Entwicklung betrachtet, auf der "grünen" Stufe der
Entwicklung, um einen Ausdruck aus Spiral Dynamics zu benutzen.
Aus diesem Grunde interpretierten sie ihre Erfahrung eines
höheren Bewusstseinszustandes durch die Sichtweite
dieser grünen Stufe – und das tun sie noch heute.
Das Ergebnis ist das, was Ken Wilber und ich "Boomeritis
Erleuchtung" nennen. Wenn der Sinn und die Bedeutung der
Erleuchtung im Kontext eines pluralistischen Weltbildes
interpretiert werden, in welchem man verzweifelt versucht, allen
Ansichten und Perspektiven den gleichen Stellenwert einzuräumen,
werden dabei alle Hierarchien zerstört, und ebenso die
Möglichkeit, Wertunterscheidungen zu treffen (welches
unabdingbar dafür ist, sich auf eine höhere Ebene zu
entwickeln). Dann wird der hervortretende Geist Gottes platt
gemacht wie ein Pfannkuchen! Welch ein Schlamassel ... und ein
allzu häufiges Problem in westlichen buddhistischen und
"Neo-Advaita" -Kreisen.
Viele meiner eigenen Schüler wären über die Jahre hinweg, an
einem Neo-Advaita-Standard gemessen, als "erleuchtet"
angesehen worden. Das Einzige, was ich hätte tun müssen, wäre,
sie darin zu bestätigen, ihnen zu sagen, dass sie Gottes
Geschenk für die Menschheit seien, und sie mit meinem Segen
fortzuschicken. Und ich bin mir sicher, dass viele von ihnen
dort draußen im postmodernen spirituellen Supermarkt ganz gut
angekommen wären, in dem "Alles ist Eins" gleichbedeutend
ist mit "Ich bin okay und du bist okay" oder "Du bist
schon erleuchtet und ich bin schon erleuchtet". Aber ich
kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich solche Leute auf der
Ebene ihres Charakters herausgefordert habe – was Integrität
der Seele bedeutet – , nur um sie vor meinen Augen
auseinander fallen zu sehen. Sie hatten Angst, als das gesehen
zu werden, was sie wirklich waren, und fürchteten die
Implikationen des Anspruchs, in einer geteilten Welt
unbeschützte Ganzheit repräsentieren zu müssen. Eine Erfahrung
zu machen ist eine Sache, aber es ist etwas völlig anderes, das
repräsentieren zu müssen, was diese Erfahrung für einen sich
entwickelnden Menschen bedeutet. Wenige von uns haben einen
wirklich starken Charakter und ein hohes Maß an Integrität, ganz
abgesehen davon, dass sie ein Verständnis oder einen Begriff vom
Konzept der Vertikalität haben und von der Tatsache, dass das
menschliche Bewusstsein sich durch verschiedene Ebenen oder
Stufen der Entwicklung entfaltet – Faktoren, die man alle in
Betracht ziehen muss, wie es mein guter Freund Ken Wilber
mehrfach in unseren Dialogen in WIE erklärt hat.
Nach vielen Jahren harter Arbeit habe ich jetzt langjährige
Schüler, die wirklich entwickelte Seelen und selbst Lehrer sind
und überall auf der Welt unterrichten. Wenn Menschen Zeit mit
ihnen verbringen, erfahren sie höhere Bewusstseinszustände und
Wogen spiritueller Inspiration. Noch wichtiger ist jedoch, dass
diese Männer und Frauen einen Grad an moralischer Integrität
einhalten, welchen die meisten Menschen beeindruckend finden ...
und der Grund dafür ist, dass sie einen sehr hohen Preis bezahlt
haben – sie sind ECHT. Sie rufen andere dazu auf, sich über
das grüne pluralistische Denken hinaus zu entwickeln, um eine
neue intersubjektive evolutionäre Erleuchtung zu
entdecken, in der die Idee der persönlichen Errungenschaft
zweitrangig wird gegenüber der Entdeckung eines aufregenden
Potenzials, welches für uns alle relevant ist.
Sicher würden manche sie für "erleuchtet" halten.
Nun ist es aber so, dass in der traditionellen Definition
Erleuchtung sich darauf bezieht, dass man das Ende des
Entwicklungsprozesses erreicht, dass man "ankommt". In
einem evolutionären Kontext, um den es bei meiner Lehre geht,
ist die Erleuchtung nicht das Ende von etwas, sondern der
Anfang von etwas anderem. Sie bedeutet, dass der
mysteriöse Drang sich zu entwickeln, oder der spirituelle
Impuls, den ich das Authentische Selbst nenne, der
stärkere Teil unseres Selbst geworden ist. Anders ausgedrückt,
wenn wer oder was immer wir sind, endlich mindestens 51%
authentisches Selbst geworden ist, ist die enorme Eigendynamik
des individuellen und kollektiven Egos dem Gottes-Impuls
untergeordnet. Wie "erleuchtet" jemand im Kontext der
evolutionären Erleuchtung wäre, würde dann davon bestimmt sein,
so denke ich, zu welchem Grad über 51% hinaus das Individuum zum
Authentischen Selbst geworden ist – als ein erwachter,
authentischer Mensch. (Und das setzt gleichzeitig zumindest eine
"Second Tier-Ebene in der kognitiven Entwicklung voraus). Aber
51% authentisches Selbst ist das absolute Minimum ... und um
ehrlich zu sein, selbst das liegt weit jenseits des Horizonts
vieler Menschen, die sich als ernsthafte spirituelle Sucher
sehen, ja, sogar jenseits des Horizonts vieler Lehrer. (Video Ausschnitt in englisch)
Bei dem, was ich lehre, geht es also schon seit vielen Jahren
nicht mehr um "persönliche" Erleuchtung. In dieser
post-postmodernen, post-traditionellen, post-metaphysischen
Lehre ist die Evolution des Bewusstseins selbst das Ziel, und
dieses Ziel hängt davon ab, dass jedes Individuum das Ego
transzendiert, so dass die bewusste Erkenntnis der Nichtdualität
durch viele Individuen gleichzeitig in die manifeste Dimension
eintreten kann. Ich kann gar nicht sagen, wie aufregend ich
dieses neue, erstaunliche intersubjektive Potenzial finde,
welches zwischen uns auftritt – und das Versprechen, welches es für uns alle birgt, eine neue Stufe, einen neuen Zustand oder Platz oder Seinsbereich zu schaffen, in dem wir uns treffen können und in dem wir alle gleichzeitig in dem Bewusstsein leben, dass wir unabhängige Individuen sind, die das Eine sind – zusammen. Wenn Sie herausfinden möchten, wie "unerleuchtet" meine Schüler wirklich sind, dann schauen Sie sich doch ihre Beschreibungen der außergewöhnlichen Erfahrungen an, die sie im Laufe des letzten Jahres von diesem neuen Bewusstsein hatten, das ich beschrieben habe ...