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Was ist Erleuchtung überhaupt?

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ... und warum meine Schüler nie "erleuchtet" sein werden.

Diese Sache fängt wirklich an, mir Spaß zu machen! Ehrlich gesagt, surfe ich so gut wie nie im Internet, und einige meiner Schüler mussten mir die Pistole auf die Brust setzen, um diesen Blog überhaupt anzufangen. Widerwillig stimmte ich zu ... und jetzt bin ich froh, dass ich es getan habe. Es gibt so viel zu erzählen, und ich habe das Gefühl, ich fange gerade erst richtig an.

Eine Frage ist mir in Ihren Kommentaren zu meiner "Erklärung der Integrität" aufgefallen, und zwar: "Warum haben sich keine deiner Schüler bis zu einem 'erleuchteten Zustand' entwickelt und wurden transformiert, so wie es viele Schüler, du selbst eingeschlossen, bei Poonja wurden?" Das ist eine wichtige Frage und auch eine sehr komplexe, denn mein eigenes Verständnis davon, was Erleuchtung ist, hat sich durch die Jahre hinweg so verändert, dass es mittlerweile kaum mehr etwas mit dem zu tun hat, was mein Lehrer unterrichtete. Und die Wahrheit ist, dass ich selbst immer noch dabei bin, all dies herauszufinden. (Daher der Name meines Magazins!) In diesem Artikel will ich jedenfalls versuchen, die Entwicklung meines eigenen Verständnisses kurz zu beschreiben. Wenn Sie an einer tiefer gehenden Erörterung meines früheren Lehrers und meiner Meinung über seine Ansatzweise interessiert sind, lesen Sie dieses Interview (in english), das ich Berthold Madhukar Thompson, ebenfalls ein ehemaliger Schüler von Poonja, vor einigen Jahren für sein Buch Die Odyssee der Erleuchtung (2002) gegeben habe.

Als ich vor über zwanzig Jahren anfing zu lehren, hatten viele, die Zeit mit mir verbrachten, die gleichen dramatischen, energetischen Erleuchtungserlebnisse, die ich erfuhr, als ich H.W.L.Poonja 1986 traf. (Die ganze Geschichte kann man in einem kurzen Buch lesen, My Master Is My Self, das ich aus meinen Tagebucheinträgen aus dieser Zeit veröffentlicht habe.) Aufgrund dessen, was sich damals täglich vor meinen Augen abspielte, dachte ich, dass so viele Leute durch ihr Beisammensein mit mir erleuchtet werden würden, dass die Welt bald nicht mehr wissen würde, was in sie gefahren sei! Alles schien so einfach, direkt, anstrengungslos ... So absurd es auch klingen mag, ich erinnere mich sogar daran, mich gefragt zu haben, warum der Buddha seine Schüler überhaupt anleitete, zu meditieren, um erleuchtet zu werden. Ja, das waren wilde Tage ...

Ziemlich bald stellte ich jedoch fest, dass viele der Menschen, welche die gleiche Erfahrung gemacht hatten wie ich, was die überwältigende Intensität und scheinbar lebensverändernde offenbarende Kraft anbelangte, weiterhin nicht ganz "gar" oder "fertig" blieben – wie es umgangssprachlich heißt oder wie immer man es auch ausdrücken will. In anderen Worten, mit der Zeit wurde deutlich, dass die tiefe Auf- und Hingabe des Egos oder des getrennten Selbstsinnes an Gott, oder dieses unaussprechliche Mysterium, in den meisten Fällen nicht wirklich stattgefunden hatte.

Nachdem ich dieses Phänomen zahllose Male beobachtet hatte, bin ich zu der Schlussfolgerung gelangt, dass unser Entwicklungsgrad auf der Ebene der Seele, wenn solch eine spirituelle Erfahrung stattfindet, viel wichtiger zu sein scheint als die Erfahrung selbst, und dass dies letztendlich der entscheidende Faktor dafür ist, wie tief wir erwachen und uns verändern. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass es für die meisten von uns postmodernen, hoch gebildeten, gut situierten Narzissten viel herausfordernder ist, unsere Seele zu entwickeln – damit meine ich eine moralische, ethische Ebene – , als Zugang zu höheren Zuständen nichtdualen oder erleuchteten Bewusstseins zu finden. Gott, oder der Geist der Erleuchtung, wird nur dann in diese Welt treten können und die Kraft haben, sie wirklich zu transformiieren, wenn er dies durch einen Menschen tun kann, welcher stark genug ist, die Bürde zu tragen, das Eine ohne ein Zweites zu sein, und dabei in der Lage ist, das individuelle Ego vollkommen in Schach zu halten. Das ist kein Kinderspiel! Meistens sind die Kraft, Energie, Ekstase und leuchtende Klarheit, die in der Erfahrung des erleuchteten Bewusstseins liegen, eine zu überwältigende Versuchung für das Ego – die Versuchung, "der eine Erleuchtete" zu sein.

In der Tat begann meine Ernüchterung über Sri Poonjaji damit, ihn immer und immer wieder dabei zu beobachten, wie er Leute für 'erleuchtet' erklärte und sie als Lehrer fortschickte, einfach nur, weil sie in seiner Gegenwart die Erfahrung eines höheren Bewusstseins oder von "Samadhi" gemacht hatten. Die meisten von ihnen hatten dabei nicht nur noch gar nicht angefangen, sich damit auseinander zu setzen, was es bedeutet, das Ego zu transzendieren, sondern gleichzeitig waren viele, im Kontext der Evolution des Bewusstseins und vertikaler Stufen der Entwicklung betrachtet, auf der "grünen" Stufe der Entwicklung, um einen Ausdruck aus Spiral Dynamics zu benutzen. Aus diesem Grunde interpretierten sie ihre Erfahrung eines höheren Bewusstseinszustandes durch die Sichtweite dieser grünen Stufe – und das tun sie noch heute. Das Ergebnis ist das, was Ken Wilber und ich "Boomeritis Erleuchtung" nennen. Wenn der Sinn und die Bedeutung der Erleuchtung im Kontext eines pluralistischen Weltbildes interpretiert werden, in welchem man verzweifelt versucht, allen Ansichten und Perspektiven den gleichen Stellenwert einzuräumen, werden dabei alle Hierarchien zerstört, und ebenso die Möglichkeit, Wertunterscheidungen zu treffen (welches unabdingbar dafür ist, sich auf eine höhere Ebene zu entwickeln). Dann wird der hervortretende Geist Gottes platt gemacht wie ein Pfannkuchen! Welch ein Schlamassel ... und ein allzu häufiges Problem in westlichen buddhistischen und "Neo-Advaita" -Kreisen.

Viele meiner eigenen Schüler wären über die Jahre hinweg, an einem Neo-Advaita-Standard gemessen, als "erleuchtet" angesehen worden. Das Einzige, was ich hätte tun müssen, wäre, sie darin zu bestätigen, ihnen zu sagen, dass sie Gottes Geschenk für die Menschheit seien, und sie mit meinem Segen fortzuschicken. Und ich bin mir sicher, dass viele von ihnen dort draußen im postmodernen spirituellen Supermarkt ganz gut angekommen wären, in dem "Alles ist Eins" gleichbedeutend ist mit "Ich bin okay und du bist okay" oder "Du bist schon erleuchtet und ich bin schon erleuchtet". Aber ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich solche Leute auf der Ebene ihres Charakters herausgefordert habe – was Integrität der Seele bedeutet – , nur um sie vor meinen Augen auseinander fallen zu sehen. Sie hatten Angst, als das gesehen zu werden, was sie wirklich waren, und fürchteten die Implikationen des Anspruchs, in einer geteilten Welt unbeschützte Ganzheit repräsentieren zu müssen. Eine Erfahrung zu machen ist eine Sache, aber es ist etwas völlig anderes, das repräsentieren zu müssen, was diese Erfahrung für einen sich entwickelnden Menschen bedeutet. Wenige von uns haben einen wirklich starken Charakter und ein hohes Maß an Integrität, ganz abgesehen davon, dass sie ein Verständnis oder einen Begriff vom Konzept der Vertikalität haben und von der Tatsache, dass das menschliche Bewusstsein sich durch verschiedene Ebenen oder Stufen der Entwicklung entfaltet – Faktoren, die man alle in Betracht ziehen muss, wie es mein guter Freund Ken Wilber mehrfach in unseren Dialogen in WIE erklärt hat.

Nach vielen Jahren harter Arbeit habe ich jetzt langjährige Schüler, die wirklich entwickelte Seelen und selbst Lehrer sind und überall auf der Welt unterrichten. Wenn Menschen Zeit mit ihnen verbringen, erfahren sie höhere Bewusstseinszustände und Wogen spiritueller Inspiration. Noch wichtiger ist jedoch, dass diese Männer und Frauen einen Grad an moralischer Integrität einhalten, welchen die meisten Menschen beeindruckend finden ... und der Grund dafür ist, dass sie einen sehr hohen Preis bezahlt haben – sie sind ECHT. Sie rufen andere dazu auf, sich über das grüne pluralistische Denken hinaus zu entwickeln, um eine neue intersubjektive evolutionäre Erleuchtung zu entdecken, in der die Idee der persönlichen Errungenschaft zweitrangig wird gegenüber der Entdeckung eines aufregenden Potenzials, welches für uns alle relevant ist.

Sicher würden manche sie für "erleuchtet" halten. Nun ist es aber so, dass in der traditionellen Definition Erleuchtung sich darauf bezieht, dass man das Ende des Entwicklungsprozesses erreicht, dass man "ankommt". In einem evolutionären Kontext, um den es bei meiner Lehre geht, ist die Erleuchtung nicht das Ende von etwas, sondern der Anfang von etwas anderem. Sie bedeutet, dass der mysteriöse Drang sich zu entwickeln, oder der spirituelle Impuls, den ich das Authentische Selbst nenne, der stärkere Teil unseres Selbst geworden ist. Anders ausgedrückt, wenn wer oder was immer wir sind, endlich mindestens 51% authentisches Selbst geworden ist, ist die enorme Eigendynamik des individuellen und kollektiven Egos dem Gottes-Impuls untergeordnet. Wie "erleuchtet" jemand im Kontext der evolutionären Erleuchtung wäre, würde dann davon bestimmt sein, so denke ich, zu welchem Grad über 51% hinaus das Individuum zum Authentischen Selbst geworden ist – als ein erwachter, authentischer Mensch. (Und das setzt gleichzeitig zumindest eine "Second Tier-Ebene in der kognitiven Entwicklung voraus). Aber 51% authentisches Selbst ist das absolute Minimum ... und um ehrlich zu sein, selbst das liegt weit jenseits des Horizonts vieler Menschen, die sich als ernsthafte spirituelle Sucher sehen, ja, sogar jenseits des Horizonts vieler Lehrer. (Video Ausschnitt in englisch)

Bei dem, was ich lehre, geht es also schon seit vielen Jahren nicht mehr um "persönliche" Erleuchtung. In dieser post-postmodernen, post-traditionellen, post-metaphysischen Lehre ist die Evolution des Bewusstseins selbst das Ziel, und dieses Ziel hängt davon ab, dass jedes Individuum das Ego transzendiert, so dass die bewusste Erkenntnis der Nichtdualität durch viele Individuen gleichzeitig in die manifeste Dimension eintreten kann. Ich kann gar nicht sagen, wie aufregend ich dieses neue, erstaunliche intersubjektive Potenzial finde, welches zwischen uns auftritt – und das Versprechen, welches es für uns alle birgt, eine neue Stufe, einen neuen Zustand oder Platz oder Seinsbereich zu schaffen, in dem wir uns treffen können und in dem wir alle gleichzeitig in dem Bewusstsein leben, dass wir unabhängige Individuen sind, die das Eine sind – zusammen. Wenn Sie herausfinden möchten, wie "unerleuchtet" meine Schüler wirklich sind, dann schauen Sie sich doch ihre Beschreibungen der außergewöhnlichen Erfahrungen an, die sie im Laufe des letzten Jahres von diesem neuen Bewusstsein hatten, das ich beschrieben habe ...