18 Oktober, 2006
Eine Erklärung der Integrität
Ein offener Brief von Andrew Cohen an seine Freunde und Gegner
Dies ist die inspirierte, spirituell aufgeladene Umgebung
oder das intersubjektive Feld, das diejenigen betreten und
mitgestalten, die sich entscheiden, meine Schüler zu werden. Es
ist leicht ersichtlich, wie der tiefste Teil unserer selbst
davon unwiderstehlich angezogen ist, der evolutionäre Impuls in
jedem von uns, den ich das authentische Selbst nenne und der
sich ganz allein danach sehnt, vollkommen frei zu sein und
kreativ, unbefangen und mit ganzem Herzen für das höchste Ziel
am Lebensprozess teilnehmen zu können.
Allerdings empfindet das Ego in genau demselben Maße, in
welchem das authentische Selbst sich dazu berufen fühlt, die
Zukunft zu erschaffen, dies als die größte Bedrohung seines
Überlebens. Ein angesehener Sufi-Meister und bekannter
Psychologe, Robert Frager, sagte einmal im Magazin What is
Enlightenment?: Das Ego, oder Nafs, hat Angst vor
Veränderung, Todesangst vor tiefen mystischen Erfahrungen und
Transformation, denn von seinem Standpunkt aus ist solch eine
Veränderung der Tod. ... Es ist der Teil von uns allen, der der
gleiche bleiben will, eine Art Trägheit ... die sagt: ‚Verändere
dich nicht'".
Jeder spirituelle Sucher, der auch nur anfängt, der
Leidenschaft für Freiheit ernsthaft nachzugehen, steht mit
großer Wahrscheinlichkeit diesem Teil seines Selbst bald von
Angesicht zu Angesicht gegenüber." Doch diese
"Trägheit" oder dieser Widerstand gegen Veränderung kommt
auf noch dramatischere Weise an die Oberfläche, wenn der Kontext
ein spirituell aufgeladener, intersubjektiver ist, bei dem viel
auf dem Spiel steht – in dem Menschen ausschließlich
zu dem Zweck zusammen kommen, sich ständig individuell und
kollektiv auf radikale Weise weiterzuentwickeln. Ich glaube,
dass neue Strukturen im Bewusstsein nur in der kreativen Reibung
solch einer fokussierten Umgebung entstehen können und
gleichzeitig habe ich festgestellt, dass es gerade diese
Umgebung ist, die unausweichlich den Teil unseres Selbst
hervorruft, der diesen Strukturen heftigsten Widerstand
leistet.
Noch einmal – das aufregende Potenzial, das in einer
Umgebung voller evolutionärer Spannung so greifbar ist, ist
genau das, was für den besten Teil unseres Selbst so anziehend
ist, und was gleichzeitig das Ego mehr als alles andere bedroht.
Deshalb war mein Leben über all diese Jahre eine Erfahrung von
Himmel und Hölle zugleich. Ich lebte im Gewahrsein eines
herrlichen Potenzials, von dem die meisten Menschen nicht einmal
geträumt haben und gleichzeitig habe ich ständig heftigen
Widerstand von gerade denjenigen erfahren, die darauf bestanden
hatten, dass sie nichts mehr wollten als ihr Leben diesem
Potenzial zu widmen. Wahrscheinlich ist das so, wenn man an der
Grenze des Bekannten lebt und diese Grenze auszuweiten versucht
...
Es ist wichtig zu verstehen, dass auf der Ebene des
Bewusstseins eine neue Stufe menschlicher Entwicklung nicht
einfach von allein entsteht. Natürlich erscheinen diese neuen
Ebenen anfänglich spontan als vorübergehende
Zustände – als eine ekstatische Ausdehnung der
Wahrnehmung, der Gefühle und Erkenntnis, welche die Seele auf
tiefste Weise in den Bann zieht und inspiriert. Die Erfahrung
höherer Zustände kann selbst den härtesten Zyniker davon
überzeugen, dass er tatsächlich Gott gesehen hat. Aber dafür,
dass diese Herrlichkeit, die man in höheren Zuständen erschaut
hat, die Grundlage einer Ebene oder bleibenden Stufe
individueller oder kollektiver Entwicklung wird, muss ein sehr
hoher Preis gezahlt werden. Es kommt häufig vor, dass ein
Mensch, nur weil er höhere Zustände erfahren hat, annimmt, dass
er den Sprung oder Übergang zu einer neuen Stufe geschafft habe.
Doch das ist selten der Fall. Nur durch hingebungsvolle und
beständige Praxis und engagierte Auseinandersetzung mit der
Größe einer solchen Aufgabe kann ein Einzelner oder eine Gruppe
diesen bedeutsamen Übergang vollziehen.
Wenn man wirklich authentisch versucht, eine neue Stufe zu
erschaffen, müssen sehr tiefe emotionale, psychologische und
kulturelle Strukturen erkannt und überwunden werden.
Was könnte aufregender sein für jemanden, der es sehr ernst
meint und sich auf so ein wagemutiges Unterfangen tief einlässt.
Was könnte dringender sein? Aber es besteht kein Zweifel daran,
dass das, was ich beschreibe, nichts Geringeres als die
ultimative Herausforderung für das Selbst ist: alte Strukturen
zu transzendieren und neue zu schaffen – dort, wo die
Entwicklung am weitesten vorangeschritten ist. Und wer sagt,
dass das Ego kein großes Problem ist, hat so etwas
offensichtlich nicht versucht.
Vor zwei Jahren interviewte ich Dzongsar Jamyang Khyentse
Rinpoche, einen brillanten jungen Filmregisseur, tibetischen
Lama und Tulku (die Wiedergeburt eines vollkommen
Erleuchteten). Das Thema unserer Diskussion war die
Herausforderung, ein Guru in einem postmodernen, westlichen
Kontext zu sein. Ich war ursprünglich von seiner mutigen
Feststellung fasziniert, die er in einem Dokumentarfilm über
seine Arbeit machte: Der Guru, der "deinen Stolz bricht und das
weltliche Leben für dich unerträglich macht, ist jemand, um den
du bittest. Er ist der Attentäter, der Mann oder die Frau, die
du angeheuert hast, dich vollkommen auseinander zu
nehmen." Aber ich war überrascht, als er zugab, dass er
seinen eigenen Schülern nicht versprechen konnte, diese Rolle zu
übernehmen. "Ich bin vielleicht ein Lehrer," erzählte er
mir mit überraschender Offenheit, "aber ich habe nicht den Mut
dazu, weil mir mein Ruf zu lieb ist. Wer will schon als jemand,
der andere misshandelt, bezeichnet werden? Ich nicht." Ich
fragte ihn nach den großen tibetischen Gurus wie Marpa, der als
einer der strengsten bekannt war. Er antwortet: "Oh ja ...
die konnten das, sie verfolgten keine eigenen Ziele.
Ihr einziges Ziel war, andere zu erleuchten. Sie kümmerten sich
nicht darum, was andere Leute dachten oder sagten – ich
nenne das CCL: Couldn't-Care-Less-ness [dt. etwa: völliges
Mir-Doch-Egal-Sein]. Darin liegt die größte Kraft. Aber wer hat
die schon heutzutage?" In diesem Moment wurde mir klar,
dass ich, seit dem Tag, an dem ich zu lehren begann, mit allen
Fürs und Widers diese Qualität besaß. Und dafür habe ich
bezahlt.
Mir ist vorgeworfen worden, dass ich zu extremen Maßnahmen
greife, um in meinen Schülern den Griff des Egos zu lösen.
Einige meinen, dass ich zuweilen zu weit gegangen sei und werfen
mir vor, aus zweifelhaften Motiven die Methoden der "Crazy
Wisdom" oder "Verrückten Weisheit" anzuwenden.
"Verrückte Weisheit" ist ein tibetischer Ausdruck für das
schockierende und scheinbar irrationale Verhalten eines Lehrers,
um seine Schüler aus der Unwissenheit aufzuschrecken. Und
unglücklicherweise ist es so, dass dies in letzter Zeit von
östlichen und westlichen Lehrern benutzt worden ist, Verhalten
zu rechtfertigen, das in der Tat dem persönlichen Vorteil oder
unerleuchteten Motiven diente. Aber ich bezeichne oder verstehe
mich bestimmt nicht als Lehrer der "Verrückten Weisheit".
Gleichzeitig gebe ich ohne Zögern zu, dass ich meine Schüler
mitunter, zum Wohle der individuellen oder kollektiven
Entwicklung, sehr hart herausgefordert habe – nicht, um
persönlich davon zu profitieren, und immer unter großem
persönlichem Risiko.
Ich bin ein Lehrer, der sich nicht scheut zu sagen, dass er
Grenzen überschreitet und versucht ein Potenzial zu
verwirklichen, welches weit über die heutzutage so verbreitete,
popularisierte Variante der persönlichen Erleuchtung hinausgeht.
Damit ziehe ich meist Schüler an, die die Idee, mit anderen
gemeinsam etwas Revolutionäres zu tun, sehr inspirierend finden.
Um es noch einmal zu sagen, ich erinnere die Menschen immer
wieder daran, dass das, was wir tun, weit über das
spirituell-therapeutische Model kalifornischen Stils hinausgeht.
Und dass es in der Natur der Sache liegt, dass das äußerst
herausfordernd ist. Fast immer bestehen ausnahmslos alle darauf,
dass sie nicht nur ganz genau verstehen, was ich sage, sondern
dass sie auch 100%ig für die Aufgabe vorbereitet und innerlich
gerüstet sind. Aber ich lasse nur die Menschen in vollem Maße
teilnehmen, die über eine lange Zeit hinweg eine klare und
eindeutige Selbstverpflichtung ausdrücken und die die Umstände,
in die sie sich begeben wirklich zu verstehen scheinen und
bereit sind, für ihre Entscheidung die volle Verantwortung zu
übernehmen.
Ganz im Gegenteil zu dem, was meine Kritiker die Menschen
gerne glauben machen möchten, ist sich jeder, der sich
entschließt, diesen Weg zu gehen vollkommen bewusst darüber, was
das bedeutet. Tatsächlich ist einer der fundamentalen Grundsätze
meiner Lehre das Gesetz der Willensfreiheit, dessen
ganze Bedeutung darin liegt, uns der Entscheidungen, die wir
treffen, bewusster zu werden und den Schritt zu tun, volle und
bedingungslose Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Das
verleiht uns ungemeine Stärke, und jeder wird dabei unterstützt,
zu lernen, wie man das tut.
Trotz alledem haben mich meine Schüler mitunter in eine
unmögliche Lage gebracht, und tun es auch heute noch. In einem
evolutionären Kontext hängt die Entstehung neuer Potenziale in
einer Gemeinschaft einzig und allein von der Bereitschaft des
Individuums ab, sich zu verändern. In einer
einzigartigen und konzentrierten Umgebung, in der die
Entwicklung des Ganzen davon abhängt, dass die beteiligten
Einzelnen ihrer Absicht sich zu entwickeln auch Folge leisten,
steht tatsächlich viel auf dem Spiel. Das folgende Szenario hat
sich unzählige Male abgespielt: den Schülern wird alles gegeben,
was sie brauchen, um sich zu verändern – wiederholte direkte
Erfahrungen höherer Bewusstseinszustände, unzählige Erklärungen
der spirituellen Zusammenhänge, persönliche Führung, Liebe,
Bestätigung und Ermutigung; eine eindeutige, klare Reflexion
über die Teile ihrer selbst, denen sie sich stellen und mit
denen sie sich auseinander setzen müssen, ein Netzwerk von
Freunden, Unterstützung, Techniken und Übungen, um diesen
Prozess zu ermöglichen; und natürlich das größte vorstellbare
Ziel um wirklich Erfolg zu haben!
Und dennoch laufen sie, aus
welchem Grund auch immer, gegen eine Wand des Widerstandes, und
weigern sich auf ganz irrationale Weise, das Notwendige zu tun.
Das macht eine höhere und tiefere Entwicklung unmöglich und hat
einen nachteiligen Einfluss auf das Ganze, von dem sie ein Teil
sind.
In solchen Momenten befinde ich mich in einer Zwickmühle. Die
Person besteht darauf, dass sie es tun will, obwohl ihr
Verhalten das Gegenteil besagt, und sie weigert sich, die
einfachen Schritte zu machen, die zum Erfolg führen würden.
Manchmal führt das zu einer Pattsituation, die wochen- oder
monatelang anhalten kann, bis ich zu guter Letzt gezwungen bin,
meiner Berufsbeschreibung entsprechend zu versuchen, die Sache
auf den Punkt zu bringen, um die Evolution des Ganzen zu
fördern. Das heißt entweder, den Schüler wegzuschicken, bis er
bereit ist, mitzumachen, oder mehr Druck auszuüben, um ihn zu
zwingen, das zu tun, was dieser seinen eigenen Beteuerungen nach
mehr als alles andere will – sich ändern! Dies hat eine von
nur drei möglichen Folgen: 1.der Schüler ist wütend und
aufgebracht, dass er aufgefordert wurde zu gehen; 2. er ist
wütend und nachtragend, dass er zu hart" angefasst wurde
und geht manchmal dennoch; 3. der Widerstand bricht und ein
verwandelter Mensch spricht mit grenzenloser Dankbarkeit über
das, was er jetzt als die Ausdauer des Gurus und dessen
Mitgefühl und Liebe für die eigene Seele erkennt.