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Eine Erklärung der Integrität

Ein offener Brief von Andrew Cohen an seine Freunde und Gegner

Dies ist die inspirierte, spirituell aufgeladene Umgebung oder das intersubjektive Feld, das diejenigen betreten und mitgestalten, die sich entscheiden, meine Schüler zu werden. Es ist leicht ersichtlich, wie der tiefste Teil unserer selbst davon unwiderstehlich angezogen ist, der evolutionäre Impuls in jedem von uns, den ich das authentische Selbst nenne und der sich ganz allein danach sehnt, vollkommen frei zu sein und kreativ, unbefangen und mit ganzem Herzen für das höchste Ziel am Lebensprozess teilnehmen zu können.

Allerdings empfindet das Ego in genau demselben Maße, in welchem das authentische Selbst sich dazu berufen fühlt, die Zukunft zu erschaffen, dies als die größte Bedrohung seines Überlebens. Ein angesehener Sufi-Meister und bekannter Psychologe, Robert Frager, sagte einmal im Magazin What is Enlightenment?: Das Ego, oder Nafs, hat Angst vor Veränderung, Todesangst vor tiefen mystischen Erfahrungen und Transformation, denn von seinem Standpunkt aus ist solch eine Veränderung der Tod. ... Es ist der Teil von uns allen, der der gleiche bleiben will, eine Art Trägheit ... die sagt: ‚Verändere dich nicht'".

Jeder spirituelle Sucher, der auch nur anfängt, der Leidenschaft für Freiheit ernsthaft nachzugehen, steht mit großer Wahrscheinlichkeit diesem Teil seines Selbst bald von Angesicht zu Angesicht gegenüber." Doch diese "Trägheit" oder dieser Widerstand gegen Veränderung kommt auf noch dramatischere Weise an die Oberfläche, wenn der Kontext ein spirituell aufgeladener, intersubjektiver ist, bei dem viel auf dem Spiel steht – in dem Menschen ausschließlich zu dem Zweck zusammen kommen, sich ständig individuell und kollektiv auf radikale Weise weiterzuentwickeln. Ich glaube, dass neue Strukturen im Bewusstsein nur in der kreativen Reibung solch einer fokussierten Umgebung entstehen können und gleichzeitig habe ich festgestellt, dass es gerade diese Umgebung ist, die unausweichlich den Teil unseres Selbst hervorruft, der diesen Strukturen heftigsten Widerstand leistet.

Noch einmal – das aufregende Potenzial, das in einer Umgebung voller evolutionärer Spannung so greifbar ist, ist genau das, was für den besten Teil unseres Selbst so anziehend ist, und was gleichzeitig das Ego mehr als alles andere bedroht. Deshalb war mein Leben über all diese Jahre eine Erfahrung von Himmel und Hölle zugleich. Ich lebte im Gewahrsein eines herrlichen Potenzials, von dem die meisten Menschen nicht einmal geträumt haben und gleichzeitig habe ich ständig heftigen Widerstand von gerade denjenigen erfahren, die darauf bestanden hatten, dass sie nichts mehr wollten als ihr Leben diesem Potenzial zu widmen. Wahrscheinlich ist das so, wenn man an der Grenze des Bekannten lebt und diese Grenze auszuweiten versucht ...

Es ist wichtig zu verstehen, dass auf der Ebene des Bewusstseins eine neue Stufe menschlicher Entwicklung nicht einfach von allein entsteht. Natürlich erscheinen diese neuen Ebenen anfänglich spontan als vorübergehende Zustände – als eine ekstatische Ausdehnung der Wahrnehmung, der Gefühle und Erkenntnis, welche die Seele auf tiefste Weise in den Bann zieht und inspiriert. Die Erfahrung höherer Zustände kann selbst den härtesten Zyniker davon überzeugen, dass er tatsächlich Gott gesehen hat. Aber dafür, dass diese Herrlichkeit, die man in höheren Zuständen erschaut hat, die Grundlage einer Ebene oder bleibenden Stufe individueller oder kollektiver Entwicklung wird, muss ein sehr hoher Preis gezahlt werden. Es kommt häufig vor, dass ein Mensch, nur weil er höhere Zustände erfahren hat, annimmt, dass er den Sprung oder Übergang zu einer neuen Stufe geschafft habe. Doch das ist selten der Fall. Nur durch hingebungsvolle und beständige Praxis und engagierte Auseinandersetzung mit der Größe einer solchen Aufgabe kann ein Einzelner oder eine Gruppe diesen bedeutsamen Übergang vollziehen.

Wenn man wirklich authentisch versucht, eine neue Stufe zu erschaffen, müssen sehr tiefe emotionale, psychologische und kulturelle Strukturen erkannt und überwunden werden.

Was könnte aufregender sein für jemanden, der es sehr ernst meint und sich auf so ein wagemutiges Unterfangen tief einlässt. Was könnte dringender sein? Aber es besteht kein Zweifel daran, dass das, was ich beschreibe, nichts Geringeres als die ultimative Herausforderung für das Selbst ist: alte Strukturen zu transzendieren und neue zu schaffen – dort, wo die Entwicklung am weitesten vorangeschritten ist. Und wer sagt, dass das Ego kein großes Problem ist, hat so etwas offensichtlich nicht versucht.

Vor zwei Jahren interviewte ich Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche, einen brillanten jungen Filmregisseur, tibetischen Lama und Tulku (die Wiedergeburt eines vollkommen Erleuchteten). Das Thema unserer Diskussion war die Herausforderung, ein Guru in einem postmodernen, westlichen Kontext zu sein. Ich war ursprünglich von seiner mutigen Feststellung fasziniert, die er in einem Dokumentarfilm über seine Arbeit machte: Der Guru, der "deinen Stolz bricht und das weltliche Leben für dich unerträglich macht, ist jemand, um den du bittest. Er ist der Attentäter, der Mann oder die Frau, die du angeheuert hast, dich vollkommen auseinander zu nehmen." Aber ich war überrascht, als er zugab, dass er seinen eigenen Schülern nicht versprechen konnte, diese Rolle zu übernehmen. "Ich bin vielleicht ein Lehrer," erzählte er mir mit überraschender Offenheit, "aber ich habe nicht den Mut dazu, weil mir mein Ruf zu lieb ist. Wer will schon als jemand, der andere misshandelt, bezeichnet werden? Ich nicht." Ich fragte ihn nach den großen tibetischen Gurus wie Marpa, der als einer der strengsten bekannt war. Er antwortet: "Oh ja ... die konnten das, sie verfolgten keine eigenen Ziele. Ihr einziges Ziel war, andere zu erleuchten. Sie kümmerten sich nicht darum, was andere Leute dachten oder sagten – ich nenne das CCL: Couldn't-Care-Less-ness [dt. etwa: völliges Mir-Doch-Egal-Sein]. Darin liegt die größte Kraft. Aber wer hat die schon heutzutage?" In diesem Moment wurde mir klar, dass ich, seit dem Tag, an dem ich zu lehren begann, mit allen Fürs und Widers diese Qualität besaß. Und dafür habe ich bezahlt.

Mir ist vorgeworfen worden, dass ich zu extremen Maßnahmen greife, um in meinen Schülern den Griff des Egos zu lösen. Einige meinen, dass ich zuweilen zu weit gegangen sei und werfen mir vor, aus zweifelhaften Motiven die Methoden der "Crazy Wisdom" oder "Verrückten Weisheit" anzuwenden. "Verrückte Weisheit" ist ein tibetischer Ausdruck für das schockierende und scheinbar irrationale Verhalten eines Lehrers, um seine Schüler aus der Unwissenheit aufzuschrecken. Und unglücklicherweise ist es so, dass dies in letzter Zeit von östlichen und westlichen Lehrern benutzt worden ist, Verhalten zu rechtfertigen, das in der Tat dem persönlichen Vorteil oder unerleuchteten Motiven diente. Aber ich bezeichne oder verstehe mich bestimmt nicht als Lehrer der "Verrückten Weisheit". Gleichzeitig gebe ich ohne Zögern zu, dass ich meine Schüler mitunter, zum Wohle der individuellen oder kollektiven Entwicklung, sehr hart herausgefordert habe – nicht, um persönlich davon zu profitieren, und immer unter großem persönlichem Risiko.

Ich bin ein Lehrer, der sich nicht scheut zu sagen, dass er Grenzen überschreitet und versucht ein Potenzial zu verwirklichen, welches weit über die heutzutage so verbreitete, popularisierte Variante der persönlichen Erleuchtung hinausgeht. Damit ziehe ich meist Schüler an, die die Idee, mit anderen gemeinsam etwas Revolutionäres zu tun, sehr inspirierend finden. Um es noch einmal zu sagen, ich erinnere die Menschen immer wieder daran, dass das, was wir tun, weit über das spirituell-therapeutische Model kalifornischen Stils hinausgeht. Und dass es in der Natur der Sache liegt, dass das äußerst herausfordernd ist. Fast immer bestehen ausnahmslos alle darauf, dass sie nicht nur ganz genau verstehen, was ich sage, sondern dass sie auch 100%ig für die Aufgabe vorbereitet und innerlich gerüstet sind. Aber ich lasse nur die Menschen in vollem Maße teilnehmen, die über eine lange Zeit hinweg eine klare und eindeutige Selbstverpflichtung ausdrücken und die die Umstände, in die sie sich begeben wirklich zu verstehen scheinen und bereit sind, für ihre Entscheidung die volle Verantwortung zu übernehmen.

Ganz im Gegenteil zu dem, was meine Kritiker die Menschen gerne glauben machen möchten, ist sich jeder, der sich entschließt, diesen Weg zu gehen vollkommen bewusst darüber, was das bedeutet. Tatsächlich ist einer der fundamentalen Grundsätze meiner Lehre das Gesetz der Willensfreiheit, dessen ganze Bedeutung darin liegt, uns der Entscheidungen, die wir treffen, bewusster zu werden und den Schritt zu tun, volle und bedingungslose Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Das verleiht uns ungemeine Stärke, und jeder wird dabei unterstützt, zu lernen, wie man das tut.

Trotz alledem haben mich meine Schüler mitunter in eine unmögliche Lage gebracht, und tun es auch heute noch. In einem evolutionären Kontext hängt die Entstehung neuer Potenziale in einer Gemeinschaft einzig und allein von der Bereitschaft des Individuums ab, sich zu verändern. In einer einzigartigen und konzentrierten Umgebung, in der die Entwicklung des Ganzen davon abhängt, dass die beteiligten Einzelnen ihrer Absicht sich zu entwickeln auch Folge leisten, steht tatsächlich viel auf dem Spiel. Das folgende Szenario hat sich unzählige Male abgespielt: den Schülern wird alles gegeben, was sie brauchen, um sich zu verändern – wiederholte direkte Erfahrungen höherer Bewusstseinszustände, unzählige Erklärungen der spirituellen Zusammenhänge, persönliche Führung, Liebe, Bestätigung und Ermutigung; eine eindeutige, klare Reflexion über die Teile ihrer selbst, denen sie sich stellen und mit denen sie sich auseinander setzen müssen, ein Netzwerk von Freunden, Unterstützung, Techniken und Übungen, um diesen Prozess zu ermöglichen; und natürlich das größte vorstellbare Ziel um wirklich Erfolg zu haben! Und dennoch laufen sie, aus welchem Grund auch immer, gegen eine Wand des Widerstandes, und weigern sich auf ganz irrationale Weise, das Notwendige zu tun. Das macht eine höhere und tiefere Entwicklung unmöglich und hat einen nachteiligen Einfluss auf das Ganze, von dem sie ein Teil sind.

In solchen Momenten befinde ich mich in einer Zwickmühle. Die Person besteht darauf, dass sie es tun will, obwohl ihr Verhalten das Gegenteil besagt, und sie weigert sich, die einfachen Schritte zu machen, die zum Erfolg führen würden. Manchmal führt das zu einer Pattsituation, die wochen- oder monatelang anhalten kann, bis ich zu guter Letzt gezwungen bin, meiner Berufsbeschreibung entsprechend zu versuchen, die Sache auf den Punkt zu bringen, um die Evolution des Ganzen zu fördern. Das heißt entweder, den Schüler wegzuschicken, bis er bereit ist, mitzumachen, oder mehr Druck auszuüben, um ihn zu zwingen, das zu tun, was dieser seinen eigenen Beteuerungen nach mehr als alles andere will – sich ändern! Dies hat eine von nur drei möglichen Folgen: 1.der Schüler ist wütend und aufgebracht, dass er aufgefordert wurde zu gehen; 2. er ist wütend und nachtragend, dass er zu hart" angefasst wurde und geht manchmal dennoch; 3. der Widerstand bricht und ein verwandelter Mensch spricht mit grenzenloser Dankbarkeit über das, was er jetzt als die Ausdauer des Gurus und dessen Mitgefühl und Liebe für die eigene Seele erkennt.