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Eine Erklärung der Integrität

Ein offener Brief von Andrew Cohen an seine Freunde und Gegner

Ich habe immer offen gesagt, dass der Weg, den ich lehre, sehr herausfordernd ist. Tatsächlich glaube ich nicht, dass ich je einen öffentlichen oder privaten Vortrag gehalten habe, sei es vor einer großen oder einer kleinen Zuhörerschaft, ohne dieses Mantra explizit oder implizit zu wiederholen: "Wenn du dies wirklich tun willst, wird es alles von dir fordern, was du hast – und mehr." Warum sage ich das? Weil ich weiß, dass es wahr ist. Das ist es, was es mir jeden einzelnen Tag abverlangt, dieses außergewöhnliche Leben zu leben. Und ich glaube, dass es jedem, der es mit der Entwicklung des Bewusstseins und damit, wirklich die Welt zu verändern, ernst meint, das Gleiche abverlangen wird. Es ist kein Spiel und auch kein Hobby. Deshalb wird das erste Prinzip meiner Lehre, welches den Grundstein für alles andere legt, Klarheit der Absicht genannt, und es besagt, dass einem, um Erfolg zu haben, der Wunsch sich zu entwickeln wichtiger als alles andere werden muss.

Das mag für manche extrem klingen. Aber es liegt einfach in der Natur dessen, was ich unterrichte und wer ich bin. Und für diejenigen, die sich bezüglich ihrer spirituellen Entwicklung als wirklich ernsthaft verstehen, ist es genau das, was mich als Lehrer und was den Weg, den ich unterrichte, so unwiderstehlich macht. Er ist keinesfalls für jeden geeignet, das war von Anfang an der Fall und das war auch nie ein Geheimnis. Der Weg, den ich Radical Impersonal Evolutionary Enlightenment oder einfach Evolutionary Enlightenment nenne, ist ein vollständiger Weg, der vollkommenes Engagement mit dem spirituellen Leben in einem postmodernen Kontext ermöglicht. Das bedeutet nicht, dass es nicht viele Möglichkeiten gibt, sich mit diesem Weg auseinander zu setzen und von ihm zu profitieren, wenn man sein eigenes Leben lebt – ich habe in der Tat ein ganzes Netzwerk internationaler Schüler, die genau das tun. Aber es ist interessant, dass diese Lehre von Anfang an einige dazu inspiriert hat, ihr Leben hinter sich zu lassen, um mit ganzem Herzen dem aufregenden Potenzial einer Vision nachzugehen, die sie gesehen haben. Tatsächlich war ich oft erstaunt, wie viele Menschen sich berufen zu fühlen schienen, diesen Schritt zu machen, obgleich ich das damals nicht geplant oder erwartet hatte.

Das naturgemäß alles-verzehrende Wesen des spirituellen, evolutionären Impulses ist eines der Dinge, welches von denen grob falsch dargestellt wird, die mich und das Potenzial des wagemutigen Experiments, an dem meine Schüler und ich mitwirken, unterminieren wollen. Es wird oft so dargestellt, als würde das Leben eines totalen Engagements den Leuten irgendwie aufgezwungen, statt dass es ein frei gewähltes, wirklich höheres Bestreben ist. Aber natürlich wird das radikale und revolutionäre Wesen meiner Vision als Bedrohung des Status quo unserer postmodernen, egalitären, pluralistischen Kultur empfunden, in der die vorübergehenden Launen und Wünsche des Individuums, ob es nun erleuchtet ist oder nicht, immer als heiliger angesehen werden als jeder höhere Kontext, Ruf oder Sinn.

Eine der stärksten transformativen Erfahrungen, die Menschen in dieser Lehre haben, ist die Entdeckung eines tiefen Sinnes von Bestimmung. Diese tiefste Offenbarung – das es etwas bedeutet, zu existieren - befreit uns von der tödlichsten existenziellen Krankheit der Moderne und der postmodernen Revolution: dem Nihilismus, der oftmals nicht sehr bewussten Angst im Kern unseres Seins, das das Leben bedeutungslos sei. Was könnte schließlich dem entfremdeten Selbst einen größeren Sinn von Bedeutung geben, als ein Vehikel für die Evolution des Bewusstseins zu sein – worum es ja gerade bei dieser Lehre geht? Aber natürlich muss man einen sehr hohen Preis bezahlen, um in der Lage zu sein, authentisch und bewusst an der Evolution des Bewusstseins teilzunehmen.

Tief von der Idee inspiriert zu sein, an einer spirituellen Revolution mitzuwirken, ist eines. Dazu bereit zu sein, das, was dies bedeutet, auch in die Tat umzusetzen, etwas ganz anderes. Die Idee, ein Revolutionär zu sein, hat etwas sehr Romantisches, und für postmoderne Narzissten, welches die meisten von uns sind, kann das ein unwiderstehlich faszinierendes Selbstbild sein. Aber ob hinter diesem Selbstbild auch Substanz steckt, ist eine andere Frage. Wenn man die Geschichte betrachtet, waren die Menschen, welche tatsächlich eine Revolution durchführten und das Alte zerstörten, um das Neue zu erschaffen, bereit, für ihre Ideale zu sterben. Wenn man allerdings kein wirklicher Revolutionär ist – sich aber mit der Idee, einer zu sein, identifiziert, dann kann die wachsende Erkenntnis, dass man nicht wirklich bereit ist, den Preis zu bezahlen, welcher in diesem Fall die Transzendenz des Egos bedeutet, das eigene Selbstbild zutiefst erschüttern, nämlich dass man ein starkes und mutiges Individuum sei, welches sich einem höheren Ziel hingegeben hat. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich das erlebt habe. Ironischerweise ist es die schlimmste Beleidigung für das Ego, sich seiner eigenen Unwilligkeit, sich selbst zu transzendieren gegenüber zu sehen. Dieses einfache, aber tragische Dilemma ist der Kern der unverminderten Verbitterung und narzisstischen Wut einiger meiner ehemaligen Schüler.

Das grundlegende Hindernis in jeder spirituellen Lehre, sei sie alt oder neu, ist das Ego, oder die Identifikation mit einem individuellen Selbst, das sich immer als grundsätzlich getrennt vom Leben betrachtet, von dem Prozess, der es hervorgebracht hat . Und die zeitgenössische Version dieses ewigen Feindes ist mächtiger und gebildeter als je zuvor. Aufgrund der Entwicklung unserer Kultur muss der ernsthafte spirituelle Aspirant mit dem hoch entwickelten, hyperindividualisierten, zynischen, extrem narzisstischen, postmodernen Selbst kämpfen, das ständig wiederholt: "Niemand sagt mir, was ich zu tun habe". Dieses sensible Selbst ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden, und es ist kein Kinderspiel, sich auf authentische Weise aus dem mächtigen Griff dieses falschen Selbst zu lösen und sich darüber hinaus zu entwickeln. Ich glaube, dass zu viele von uns unterschätzen, was wirklich nötig ist, die verführerische Kraft dieses Selbst so weit zu transzendieren, dass man in der Lage ist, einen bedeutsamen, messbaren und authentischen Grad von Freiheit und Unabhängigkeit von ihm auszudrücken.

Ich weiß, dass manche davon überzeugt sind, dass es eine altmodische Perspektive sei, das Ego als Feind zu betrachten – das hieße, nur noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, und dass es eine "erleuchtetere" Herangehensweise sei, das Ego einfach zu akzeptieren, und "Raum" dafür zu schaffen. Da bin ich anderer Ansicht. Es mag theoretisch ganz gut klingen, aber die Fähigkeit, das Ego in all seinen groben und oft sehr subtilen Manifestationen als solches zu erkennen, es zu "akzeptieren" und gleichzeitig "nicht aus ihm heraus zu handeln" ist etwas, was, ganz ehrlich gesagt, von sehr wenigen erreicht wird. Ich habe festgestellt, dass die meisten bereit sein müssen zu kämpfen, als wenn unser Leben davon abhinge, um das, was traditionell unsere "niedrigeren Impulse" genannt wird, zu transzendieren. Denn wenn wir uns auf eine Weise über das Ego hinaus entwickeln wollen, die wirklich bedeutsam ist, dann hängt unser Leben wirklich davon ab.

Aus genau diesem Grund bin ich – und war ich – nie ein Lehrer, der den Menschen sagen würde: "Du bist wunderbar, ganz so, wie du schon bist." Denn wenn sie nicht als Heilige geboren wurden (schließlich gibt es das ja auch), ist es einfach unwahrscheinlich, dass dem so ist, und es besteht kein Zweifel, dass sie, wie wir alle, einen langen Weg vor sich haben. Und es scheint eine ziemliche Herausforderung für extreme Narzissten zu sein, dieser Tatsache ins Auge zu sehen. So lächerlich es auch klingen mag, die schockierendste Offenbarung für die postmodernen Suchenden ist, dass sie nicht unbedingt die naturgemäß wunderbare, anständige, gute, fürsorgliche Seele voller guter Absichten sind, die sie immer heimlich zu sein glaubten – (vielleicht von ein paar kleinen Makeln abgesehen, die sie loswerden sollten). Tatsächlich ist die Kluft zwischen unserem jetzigen Zustand und dem, den wir versuchen sollten anzustreben, wenn wir es mit tief greifender Transformation ernst meinen, meist viel größer als wir es uns gerne vorstellen. Sich dieser Kluft auf authentische Weise zu stellen ist der Punkt, an dem die meisten Leute zurückschrecken.

In der traditionellen, östlichen, prä-modernen Erleuchtung war das Ego deswegen ein Hindernis, weil man, solange man von seinen Ängsten und Wünschen hypnotisiert war, die zwanghafte Identifikation mit dem Verstand und der Zeit nicht loslassen und die Glückseligkeit des Seins nicht erfahren konnte. Die modernen westlichen Entsprechungen dieser Traditionen sehen das Ego, wenn überhaupt, nur deshalb als ein Problem an, weil es die Quelle von psychologischem Schmerz und Angst ist. Was ich aber lehre, ist, wenn ich es so sagen darf, eine neue Erleuchtung, in welcher das Ziel keine persönliche Errungenschaft, sondern ein neues Bewusstsein, das im Intersubjektiven entsteht und das für uns alle große evolutionäre Bedeutung hat. Daher sage ich, dass das Ego aus einem viel wichtigeren Grund problematisch ist: denn in dem Maße, wie wir uns mit ihm identifizieren, verhindern wir unser eigenes Potenzial, am evolutionären Prozess bewusst teilzunehmen. Wenn das Ziel ist, in der Zeit und mit dem Verstand eine neue Entwicklungsstufe zu schaffen, ist das Ego kein persönliches psychologisches Problem mehr. Es ist das einzige Hindernis zur Entstehung einer verheißungsvollen Zukunft. Diese Lehre ist der Schaffung dieser Zukunft gewidmet.

Dabei geht es genau gesagt darum, eine neue Welt zu kreieren, in der Menschen einander in einem gemeinsamen, intersubjektiven, egolosen Feld jenseits von Angst und der Sorge um sich selbst begegnen können. Ein Feld, in dem die Grundlage der menschlichen Beziehung die Einheit ist, oder das, was traditionell Nondualität genannt wird – das Einssein allen Lebens, welches in der spirituellen Offenbarung erfahren wird. In dieser unendlich anziehend wirkenden Vision enthüllt sich uns eine vollkommen neue Ordnung menschlichen Potenzials, die ekstatisch als schier unerträgliche Positivität und als die inspirierte Leidenschaft erfahren wird, in der Zeit und in unseren Beziehungen den manifesten Ausdruck der Herrlichkeit zu schaffen, von der man überwältigt wird.

Die Schaffung einer solchen Zukunft hängt vollkommen davon ab, mit anderen ein Netzwerk von Beziehungen zu pflegen, die ebenfalls die freie Entscheidung treffen, eine solch große Herausforderung anzunehmen. Und in diesem evolutionären Kontext wäre die eigene Beziehung zum Ego daher todernst, wach, aufmerksam und heroisch. Das eigene Ego für solch ein hohes und edles Ziel unter Kontrolle zu halten ist, milde ausgedrückt, außerordentlich schwierig. Aber welch ein Gewinn! Wenn es je einen Grund gegeben hat, die Ängste und kleinlichen Sorgen des Egos zu transzendieren, dann muss es sicherlich dieser sein – das utopische Ideal, den Himmel auf Erden zu schaffen. Und um die anzusprechen, die wirklich inspiriert und dem höchsten spirituellen Ideal verpflichtet sind: Warum sollten wir es nicht zumindest versuchen, so verrückt es auch klingen mag?

Zu allen Zeiten haben zutiefst inspirierte spirituelle Größen mit ihren Anhängern fast immer auf die eine oder andere Weise versucht, den Himmel auf Erden zu schaffen. Natürlich bin ich mir auch der Tatsache bewusst, dass im Laufe unserer geschichtlichen Entwicklung auf religiösem Gebiet und in der Gesellschaft von einigen der verrücktesten, verwirrtesten und gefährlichsten Größenwahnsinnigen utopische Ideen überzeugend ausgerufen und verheerende Schäden in ihrem Namen angerichtet wurden. Für jeden Buddha gab es einen Jim Jones, für jeden Martin Luther King einen Hitler, und ich bin sicher, dass dies auch in absehbarer Zukunft so sein wird. Aber im Gegensatz zu so vielen meiner Zeitgenossen habe ich dies nie als Ausrede benutzt, um mein spirituelles Feuer, meine Leidenschaft und meine Hingabe zu dämpfen – um einer Sache willen, von der ich weiß, dass sie aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz tatsächlich möglich ist.

Ich spreche davon, sich engagiert dem vollsten Ausdruck des spirituellen Impulses zu verpflichten – davon, das Risiko einzugehen, nach dem Höchsten zu streben, allein und mit anderen, um zu sehen, wie weit wir damit gehen können.