18 Oktober, 2006
Eine Erklärung der Integrität
Ein offener Brief von Andrew Cohen an seine Freunde und Gegner
Ich habe immer offen gesagt, dass der Weg, den ich lehre,
sehr herausfordernd ist. Tatsächlich glaube ich nicht, dass ich
je einen öffentlichen oder privaten Vortrag gehalten habe, sei
es vor einer großen oder einer kleinen Zuhörerschaft, ohne
dieses Mantra explizit oder implizit zu wiederholen: "Wenn du
dies wirklich tun willst, wird es alles von dir fordern, was du
hast – und mehr." Warum sage ich das? Weil ich weiß,
dass es wahr ist. Das ist es, was es mir jeden einzelnen Tag
abverlangt, dieses außergewöhnliche Leben zu leben. Und ich
glaube, dass es jedem, der es mit der Entwicklung des
Bewusstseins und damit, wirklich die Welt zu verändern, ernst
meint, das Gleiche abverlangen wird. Es ist kein Spiel und auch
kein Hobby. Deshalb wird das erste Prinzip meiner Lehre, welches
den Grundstein für alles andere legt, Klarheit der
Absicht genannt, und es besagt, dass einem, um Erfolg zu
haben, der Wunsch sich zu entwickeln wichtiger als alles andere
werden muss.
Das mag für manche extrem klingen. Aber es liegt einfach in
der Natur dessen, was ich unterrichte und wer ich bin. Und für
diejenigen, die sich bezüglich ihrer spirituellen Entwicklung
als wirklich ernsthaft verstehen, ist es genau das, was mich als
Lehrer und was den Weg, den ich unterrichte, so unwiderstehlich
macht. Er ist keinesfalls für jeden geeignet, das war von Anfang
an der Fall und das war auch nie ein Geheimnis. Der Weg, den ich
Radical Impersonal Evolutionary Enlightenment oder einfach
Evolutionary Enlightenment nenne, ist ein vollständiger Weg, der
vollkommenes Engagement mit dem spirituellen Leben in einem
postmodernen Kontext ermöglicht. Das bedeutet nicht, dass es
nicht viele Möglichkeiten gibt, sich mit diesem Weg auseinander
zu setzen und von ihm zu profitieren, wenn man sein eigenes
Leben lebt – ich habe in der Tat ein ganzes Netzwerk
internationaler Schüler, die genau das tun. Aber es ist
interessant, dass diese Lehre von Anfang an einige dazu
inspiriert hat, ihr Leben hinter sich zu lassen, um mit ganzem
Herzen dem aufregenden Potenzial einer Vision nachzugehen, die
sie gesehen haben. Tatsächlich war ich oft erstaunt, wie viele
Menschen sich berufen zu fühlen schienen, diesen Schritt zu
machen, obgleich ich das damals nicht geplant oder erwartet
hatte.
Das naturgemäß alles-verzehrende Wesen des spirituellen,
evolutionären Impulses ist eines der Dinge, welches von denen
grob falsch dargestellt wird, die mich und das Potenzial des
wagemutigen Experiments, an dem meine Schüler und ich mitwirken,
unterminieren wollen. Es wird oft so dargestellt, als würde das
Leben eines totalen Engagements den Leuten irgendwie
aufgezwungen, statt dass es ein frei gewähltes, wirklich höheres
Bestreben ist. Aber natürlich wird das radikale und
revolutionäre Wesen meiner Vision als Bedrohung des Status quo
unserer postmodernen, egalitären, pluralistischen Kultur
empfunden, in der die vorübergehenden Launen und Wünsche des
Individuums, ob es nun erleuchtet ist oder nicht, immer als
heiliger angesehen werden als jeder höhere Kontext, Ruf oder
Sinn.
Eine der stärksten transformativen Erfahrungen, die Menschen
in dieser Lehre haben, ist die Entdeckung eines tiefen Sinnes
von Bestimmung. Diese tiefste Offenbarung – das
es etwas bedeutet, zu existieren - befreit uns von der
tödlichsten existenziellen Krankheit der Moderne und der
postmodernen Revolution: dem Nihilismus, der oftmals nicht sehr
bewussten Angst im Kern unseres Seins, das das Leben
bedeutungslos sei. Was könnte schließlich dem entfremdeten
Selbst einen größeren Sinn von Bedeutung geben, als ein Vehikel
für die Evolution des Bewusstseins zu sein – worum es ja
gerade bei dieser Lehre geht? Aber natürlich muss man einen sehr
hohen Preis bezahlen, um in der Lage zu sein,
authentisch und bewusst an der Evolution des Bewusstseins
teilzunehmen.
Tief von der Idee inspiriert zu sein, an einer spirituellen
Revolution mitzuwirken, ist eines. Dazu bereit zu sein, das, was
dies bedeutet, auch in die Tat umzusetzen, etwas ganz anderes.
Die Idee, ein Revolutionär zu sein, hat etwas sehr Romantisches,
und für postmoderne Narzissten, welches die meisten von uns
sind, kann das ein unwiderstehlich faszinierendes Selbstbild
sein. Aber ob hinter diesem Selbstbild auch Substanz steckt, ist
eine andere Frage. Wenn man die Geschichte betrachtet, waren die
Menschen, welche tatsächlich eine Revolution durchführten und
das Alte zerstörten, um das Neue zu erschaffen, bereit, für
ihre Ideale zu sterben. Wenn man allerdings kein wirklicher
Revolutionär ist – sich aber mit der Idee, einer zu sein,
identifiziert, dann kann die wachsende Erkenntnis, dass man
nicht wirklich bereit ist, den Preis zu bezahlen, welcher in
diesem Fall die Transzendenz des Egos bedeutet, das eigene
Selbstbild zutiefst erschüttern, nämlich dass man ein starkes
und mutiges Individuum sei, welches sich einem höheren Ziel
hingegeben hat. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich das erlebt
habe. Ironischerweise ist es die schlimmste Beleidigung für das
Ego, sich seiner eigenen Unwilligkeit, sich selbst zu
transzendieren gegenüber zu sehen. Dieses einfache, aber
tragische Dilemma ist der Kern der unverminderten Verbitterung
und narzisstischen Wut einiger meiner ehemaligen Schüler.
Das grundlegende Hindernis in jeder spirituellen Lehre, sei
sie alt oder neu, ist das Ego, oder die Identifikation mit einem
individuellen Selbst, das sich immer als grundsätzlich getrennt
vom Leben betrachtet, von dem Prozess, der es hervorgebracht hat
. Und die zeitgenössische Version dieses ewigen Feindes ist
mächtiger und gebildeter als je zuvor. Aufgrund der Entwicklung
unserer Kultur muss der ernsthafte spirituelle Aspirant mit dem
hoch entwickelten, hyperindividualisierten, zynischen, extrem
narzisstischen, postmodernen Selbst kämpfen, das ständig
wiederholt: "Niemand sagt mir, was ich zu tun habe".
Dieses sensible Selbst ist in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts entstanden, und es ist kein Kinderspiel, sich auf
authentische Weise aus dem mächtigen Griff dieses falschen
Selbst zu lösen und sich darüber hinaus zu entwickeln. Ich
glaube, dass zu viele von uns unterschätzen, was wirklich nötig
ist, die verführerische Kraft dieses Selbst so weit zu
transzendieren, dass man in der Lage ist, einen bedeutsamen,
messbaren und authentischen Grad von Freiheit und Unabhängigkeit
von ihm auszudrücken.
Ich weiß, dass manche davon überzeugt sind, dass es eine
altmodische Perspektive sei, das Ego als Feind zu
betrachten – das hieße, nur noch mehr Öl ins Feuer zu
gießen, und dass es eine "erleuchtetere" Herangehensweise
sei, das Ego einfach zu akzeptieren, und "Raum" dafür zu
schaffen. Da bin ich anderer Ansicht. Es mag theoretisch ganz
gut klingen, aber die Fähigkeit, das Ego in all seinen groben
und oft sehr subtilen Manifestationen als solches zu erkennen,
es zu "akzeptieren" und gleichzeitig "nicht aus ihm
heraus zu handeln" ist etwas, was, ganz ehrlich
gesagt, von sehr wenigen erreicht wird. Ich habe festgestellt,
dass die meisten bereit sein müssen zu kämpfen, als wenn unser
Leben davon abhinge, um das, was traditionell unsere
"niedrigeren Impulse" genannt wird, zu transzendieren.
Denn wenn wir uns auf eine Weise über das Ego hinaus entwickeln
wollen, die wirklich bedeutsam ist, dann hängt unser Leben
wirklich davon ab.
Aus genau diesem Grund bin ich – und war ich – nie
ein Lehrer, der den Menschen sagen würde: "Du bist wunderbar,
ganz so, wie du schon bist." Denn wenn sie nicht als
Heilige geboren wurden (schließlich gibt es das ja auch), ist es
einfach unwahrscheinlich, dass dem so ist, und es besteht kein
Zweifel, dass sie, wie wir alle, einen langen Weg vor sich
haben. Und es scheint eine ziemliche Herausforderung für extreme
Narzissten zu sein, dieser Tatsache ins Auge zu sehen. So
lächerlich es auch klingen mag, die schockierendste Offenbarung
für die postmodernen Suchenden ist, dass sie nicht unbedingt die
naturgemäß wunderbare, anständige, gute, fürsorgliche Seele
voller guter Absichten sind, die sie immer heimlich zu sein
glaubten – (vielleicht von ein paar kleinen Makeln
abgesehen, die sie loswerden sollten). Tatsächlich ist die Kluft
zwischen unserem jetzigen Zustand und dem, den wir versuchen
sollten anzustreben, wenn wir es mit tief greifender
Transformation ernst meinen, meist viel größer als wir es uns
gerne vorstellen. Sich dieser Kluft auf authentische Weise zu
stellen ist der Punkt, an dem die meisten Leute zurückschrecken.
In der traditionellen, östlichen, prä-modernen Erleuchtung
war das Ego deswegen ein Hindernis, weil man, solange man von
seinen Ängsten und Wünschen hypnotisiert war, die zwanghafte
Identifikation mit dem Verstand und der Zeit nicht loslassen und
die Glückseligkeit des Seins nicht erfahren konnte. Die modernen
westlichen Entsprechungen dieser Traditionen sehen das Ego, wenn
überhaupt, nur deshalb als ein Problem an, weil es die Quelle
von psychologischem Schmerz und Angst ist. Was ich aber lehre,
ist, wenn ich es so sagen darf, eine neue Erleuchtung, in
welcher das Ziel keine persönliche Errungenschaft, sondern ein
neues Bewusstsein, das im Intersubjektiven entsteht und das für
uns alle große evolutionäre Bedeutung hat. Daher sage ich, dass
das Ego aus einem viel wichtigeren Grund problematisch ist: denn
in dem Maße, wie wir uns mit ihm identifizieren, verhindern wir
unser eigenes Potenzial, am evolutionären Prozess bewusst
teilzunehmen. Wenn das Ziel ist, in der Zeit und
mit dem Verstand eine neue Entwicklungsstufe zu
schaffen, ist das Ego kein persönliches psychologisches
Problem mehr. Es ist das einzige Hindernis zur Entstehung einer
verheißungsvollen Zukunft. Diese Lehre ist der Schaffung dieser
Zukunft gewidmet.
Dabei geht es genau gesagt darum, eine neue Welt zu kreieren,
in der Menschen einander in einem gemeinsamen, intersubjektiven,
egolosen Feld jenseits von Angst und der Sorge um sich selbst
begegnen können. Ein Feld, in dem die Grundlage der menschlichen
Beziehung die Einheit ist, oder das, was traditionell
Nondualität genannt wird – das Einssein allen Lebens,
welches in der spirituellen Offenbarung erfahren wird. In dieser
unendlich anziehend wirkenden Vision enthüllt sich uns eine
vollkommen neue Ordnung menschlichen Potenzials, die ekstatisch
als schier unerträgliche Positivität und als die inspirierte
Leidenschaft erfahren wird, in der Zeit und in unseren
Beziehungen den manifesten Ausdruck der Herrlichkeit zu
schaffen, von der man überwältigt wird.
Die Schaffung einer solchen Zukunft hängt vollkommen davon
ab, mit anderen ein Netzwerk von Beziehungen zu pflegen, die
ebenfalls die freie Entscheidung treffen, eine solch große
Herausforderung anzunehmen. Und in diesem evolutionären Kontext
wäre die eigene Beziehung zum Ego daher todernst, wach,
aufmerksam und heroisch. Das eigene Ego für solch ein hohes und
edles Ziel unter Kontrolle zu halten ist, milde ausgedrückt,
außerordentlich schwierig. Aber welch ein Gewinn! Wenn es je
einen Grund gegeben hat, die Ängste und kleinlichen Sorgen des
Egos zu transzendieren, dann muss es sicherlich dieser
sein – das utopische Ideal, den Himmel auf Erden zu
schaffen. Und um die anzusprechen, die wirklich inspiriert und
dem höchsten spirituellen Ideal verpflichtet sind: Warum sollten
wir es nicht zumindest versuchen, so verrückt es auch klingen
mag?
Zu allen Zeiten haben zutiefst inspirierte spirituelle
Größen mit ihren Anhängern fast immer auf die eine oder andere
Weise versucht, den Himmel auf Erden zu schaffen. Natürlich bin
ich mir auch der Tatsache bewusst, dass im Laufe unserer
geschichtlichen Entwicklung auf religiösem Gebiet und in der
Gesellschaft von einigen der verrücktesten, verwirrtesten und
gefährlichsten Größenwahnsinnigen utopische Ideen überzeugend
ausgerufen und verheerende Schäden in ihrem Namen angerichtet
wurden. Für jeden Buddha gab es einen Jim Jones, für jeden
Martin Luther King einen Hitler, und ich bin sicher, dass dies
auch in absehbarer Zukunft so sein wird. Aber im Gegensatz zu so
vielen meiner Zeitgenossen habe ich dies nie als Ausrede
benutzt, um mein spirituelles Feuer, meine Leidenschaft und
meine Hingabe zu dämpfen – um einer Sache willen, von der
ich weiß, dass sie aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz
tatsächlich möglich ist.
Ich spreche davon, sich engagiert dem vollsten Ausdruck des
spirituellen Impulses zu verpflichten – davon, das Risiko
einzugehen, nach dem Höchsten zu streben, allein und mit
anderen, um zu sehen, wie weit wir damit gehen können.