Neues von andrewcohen.de
E-mail Adresse bitte hier eingeben.

7. November, 2007

Frauen, Männer und die Evolution der Kultur

Vor kurzem habe ich etwas Unvorstellbares getan: ich habe ein Wochenend-Retreat nur für Frauen gegeben. Hat ein männlicher Lehrer, der verrückt genug ist, sich in einer post-postmodernen Kultur als Guru zu bezeichnen, jemals etwas so Verwegenes getan? Nun, ich hab's gemacht. Und was ist passiert? Es war ein überwältigender Erfolg. Aus der ganzen Welt reisten Frauen an, um herauszufinden, was Evolutionary Enlightenment für Frauen zu Beginn des 21. Jahrhunderts bedeutet. Anfangs war ich etwas eingeschüchtert von der Idee, allein in einem ganzen Raum voller Frauen zu sitzen. Aber das Interesse und der Enthusiasmus, den diese Frauen für ihre eigene Evolution spürten, erzeugte sofort eine Atmosphäre von solch überwältigender Positivität, dass innerhalb weniger Sekunden jedes Bewusstsein von Geschlechterunterschieden in den Hintergrund trat. Für die meisten von uns verschwand alle Befangenheit — und wir befanden uns mitten in einem evolutionären Abenteuer.

Diejenigen von Ihnen, die wissen, wie ernst ich es wirklich meine, werden einschätzen können, was für ein Erfolg dieses Wochenende war. Ich habe an dem Projekt einer "Neuen Frauenemanzipation" seit über 15 Jahren gearbeitet. Frauen aus der ganzen Welt begeistern sich für das, was ich das "Universe Project" nenne, und, wie ich höre, wird diese Begeisterung auch nach dem Retreat immer stärker.

Hier ist ein Videoclip, den wir zusammengestellt haben, um Ihnen eine Kostprobe dessen zu geben, was wir auf diesem Wochenende miteinander geteilt haben.

Video abspielen (8 Min.)

Was den philosophischen Kontext für diese Untersuchung anbelangt, habe ich gerade einen neuen Text über die Beziehung zwischen Erleuchtung und den Geschlechterrollen geschrieben.

* * *

Die Evolution der Geschlechterrollen

Erleuchtung ist die Erfahrung von Bewusstsein jenseits des Egos. Was aber bedeutet dieses Bewusstsein, wenn es von postmodernen Männern und Frauen ausgedrückt wird? Was geschieht mit den grundlegenden Strukturen unserer Identität — wie z.B. den Geschlechterrollen — , wenn wir über das Ego hinausgehen? Dies war schon immer eine verwirrende Angelegenheit, aber heute wird es dadurch verstärkt, dass wir in einer Zeit und in einem kulturellen Kontext leben, in dem so viele von uns unsicher darüber sind, was eine männliche oder weibliche Identität überhaupt bedeuten. In der Entwicklung von Männern und Frauen von traditionellen hin zu post-traditionellen Rollen in der Kultur, Religion und Gesellschaft wird die Landkarte, abgesehen von einigen sehr grundlegenden Unterscheidungen, immer verschwommener. Und für diejenigen von uns, die versuchen, Pioniere für neue Stufen in der Entwicklung des Bewusstseins und der Kultur zu sein, ist dieses unerforschte Gebiet genau der Ort, an dem wir zu leben gewählt haben. Was bedeutet es also, sich als Mann oder Frau von konventionellen Strukturen und post-konventioneller Verwirrung zu einer post-post-konventionellen Klarheit zu entwickeln? Dies ist eine Frage, die mich schon immer sehr interessiert hat und an der ich seit Jahren intensiv arbeite.

Wenn Männer und Frauen neue kulturelle Potenziale erschaffen wollen, die auf spiritueller Erkenntnis und einer höheren Rationalität gegründet sind, dann müssen viele Fragen auf den Tisch kommen, welche die traditionellen Rollen der Geschlechter betreffen. In unserem üblicherweise unerleuchteten Zustand sind wir uns der tief liegenden Überzeugungen bezüglich der Identifikation mit unseren Geschlechterrollen nicht bewusst. Eine enorme Anstrengung auf individueller und kollektiver Ebene ist notwendig, um den Fokus der Aufmerksamkeit auf diese grundlegende Dimension unseres Seins zu richten. Dies ist die Voraussetzung, um neue und bewusstere Möglichkeiten für die Männer und Frauen an der Spitze der Entwicklung zu schaffen, denn Sex und Geschlechterrollen sind so feste Grundsteine unseres Selbstverständnisses!

Schon seit langem versuche ich, den ersten und wichtigsten Schritt in dieser Entwicklung aufzuzeigen: Damit Männer und Frauen tatsächlich die unvorstellbaren Potenziale einer neuen, auf Spiritualität gegründeten Kultur jenseits von Individualismus, Narzissmus und Nihilismus erkennen können, müssen sie die größte Illusion auf dieser Seite der Milchstraße aufgeben. Welche Illusion ist das? Es ist die heiligste Kuh unserer Zeit und Kultur: Der Glaube, dass wir durch eine romantische Beziehung mit einem "ganz besonderen" Menschen die tiefstmögliche Beziehung zum Leben erfahren werden. Ich spreche davon, über die Überzeugung hinauszuwachsen, dass spirituelle Verbundenheit und Erfüllung in der romantischen und sexuellen Umarmung gefunden werden.

Für die meisten Menschen ist das eine sehr krasse Botschaft: so überwältigend sich die romantische Verheißung auch oft anfühlt, sie ist einfach nicht, was sie zu sein scheint. Ich nenne es die Verheißung der Vollkommenheit, Buddhisten würden es als "große Illusion" bezeichnen. Die Verheißung der Vollkommenheit ist die Illusion, dass tiefes spirituelles Glück in der spannungsvollen Polarität der Anziehung zwischen den Geschlechtern gefunden werden kann. In unseren klareren Momenten werden die meisten von uns zugeben, dass sich diese Verheißung kaum je erfüllt, und wenn, dann ist das selten von Dauer. Aber auch wenn wir älter werden, scheint es uns dennoch schwer zu fallen, den Glauben aufzugeben, dass wir eines Tages jemanden finden werden, der alle unsere Hoffnungen und Träume erfüllt.

Ich habe nichts gegen Sex — nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein; tatsächlich bin ich seit über 20 Jahren verheiratet. Aber ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele Leute, meine Ansichten zu diesem Thema falsch ausgelegt haben. Worauf es mir ankommt ist, zu erkennen, dass in einem postmodernen kulturellen Kontext — der säkular, materialistisch, seelenlos und gottlos ist — die sexuelle Intimität verständlicherweise zu einem fast heiligen Status erhoben worden ist. Für zu viele von uns ist sie der einzige Ort, an dem wir überhaupt Nähe erfahren.

Wenn wir die Verheißung der Vollkommenheit durchschauen, erfahren wir Freiheit auf der tiefsten Ebene unseres Seins. Und erst dann werden wir endlich in der Lage sein, herauszufinden, was spirituelle Nähe oder ekstatische Verbundenheit jenseits des Egos oder der Selbst-Abgrenzung ist.

Für die Identifikation des postmodernen Selbst mit den Geschlechterrollen bedeutet, nach meinem Verständnis, Evolution über das Ego hinaus zu allererst, dass unser menschliches Verlangen nach Nähe nicht mehr im sexuellen Impuls wurzelt oder auf ihn begrenzt ist. In einem Kontext der Erleuchtung wird das Bewusstsein selbst als Quelle vollkommener Nähe erfahren — und Bewusstsein hat kein Geschlecht! Und zweitens würde es bedeuten, dass unser Ego nicht mehr intensiv mit unserem zufälligen Geschlecht oder unserer Sexualität identifiziert wäre.

Wenn wir daran interessiert sind, bisher noch undefinierte Strukturen in der Kultur und im Bewusstsein zu erschaffen, dann müssen wir uns anstrengen, nicht nur herauszufinden, wer wir waren und wer wir sind, sondern, was noch wichtiger ist, wer wir sein möchten — als befreite Männer und Frauen. Und das ist wirklich eine sehr große Aufgabe. Unsere Geschlechterrollen und unsere sexuelle Identität sind so überaus eng mit unserem Selbstbild verknüpft. Wenn dieses Bild bewusst gemacht werden soll, möglicherweise sogar erleuchtet, dann müssen wir langsam, aber sicher den herausfordernden und heroischen Prozess beginnen, uns aus der Identifikation mit und der Anhaftung an diese Ideen des Selbst zu lösen. Sie sind für die Zukunft, die wir erschaffen möchten, einfach nicht mehr relevant.

Wenn unser Ego nicht mehr so intensiv mit unserem zufälligen Geschlecht identifiziert ist, dann wird, vielleicht zum ersten Mal, der egolose Ausdruck unserer geschlechtlichen Natur zum Vorschein kommen. Dies ist besonders wichtig für jene von uns, die sich verpflichtet haben, den Sprung von post-konventioneller Verwirrung zu post-post-konventioneller Klarheit zu wagen. Das ist wichtig, weil heute zum ersten Mal in der Geschichte sowohl Männer als auch Frauen in der Lage sind, zu wählen, was für ein Mann oder eine Frau sie sein möchten. Wir sind tatsächlich wie nie zuvor in der Lage, uns selbst neu zu erfinden.

Wenn unsere Männlichkeit oder Weiblichkeit nicht mehr von nur halb bewussten Überzeugungen und kulturellen Konventionen beeinflusst werden, sondern von einer sehr bewussten Absicht sich zu entwickeln gelenkt werden, dann wird es tatsächlich möglich sein, eine neue Kultur zu schaffen — nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch zwischen Männern und Männern und Frauen und Frauen. Wenn wir unsere elementare Verbundenheit nicht mehr in der sexuellen und romantischen Umarmung suchen, werden neue Dimensionen der Transparenz und Nähe zwischen uns möglich werden.

In meiner Arbeit habe ich festgestellt, dass das grundlegende Medium, das diese Erfahrung egoloser Nähe auslösen kann, das Zusammenkommen von Männern oder Frauen mit anderen ihres eigenen Geschlechts ist, in der zielgerichteten Absicht, sich jenseits aller Ideen der Unterschiedlichkeit zu treffen. In der Abwesenheit jeder sexuellen Spannung, erscheint die alles durchdringende Gegenwart unseres unbegrenzten Wesens, oder des Bewusstseins selbst, als der Grund unserer Beziehungen. Wenn Frauen mit anderen Frauen jenseits des Egos zusammenkommen, dann können sie ein Vertrauen und eine Freiheit von Befangenheit erfahren, die in der Gegenwart von Männern fast unmöglich wäre. Und ebenso können die gleiche ekstatische Nähe und ein ungebrochenes Vertrauen entstehen, wenn Männer mit anderen Männern zusammenkommen.

Zu häufig treffen sich Männer und Frauen in spirituellen Kreisen nur dazu, die Tatsache der Geschlechter zu verherrlichen oder romantisch zu verklären. Ich weise auf etwas vollkommen Anderes hin. Interessanterweise erscheint das Potenzial für einen egolosen Ausdruck von Männlichkeit oder Weiblichkeit dann, wenn unser Selbstverständnis sich von der zufälligen Tatsache unserer Geschlechtszugehörigkeit löst — durch das tief greifende Loslassen egoischer Anspannung und Befangenheit. Wenn Männer und Männer und Frauen und Frauen sich verpflichtet haben, mit anderen ihres Geschlechts jenseits von Ego zusammenzukommen, dann kann sich das Verständnis und der Ausdruck von Männlichkeit und Weiblichkeit selbst entwickeln. Und erst dann werden sich Männer und Frauen endlich auf einer völlig neuen Ebene begegnen können, einer Ebene, die bisher nicht möglich war.