24. September 2007
Revolution Retreat
Wirkliche Entwicklung in Echtzeit
Letztes Wochenende habe ich intensive und fokussierte 48
Stunden mit meinen engsten Schülern aus der ganzen Welt
verbracht. Wir nennen diese Treffen "Revolution Retreats"
und während dieser Zeit ist der einzige Grund für unser
Zusammensein die Weiterentwicklung unserer kollektiven Mission,
die darin besteht, das außergewöhnliche Potenzial von
Evolutionary Enlightenment zu verwirklichen.
Was bedeutet das? Nun, Erleuchtung ist die Erfahrung von
Bewusstsein jenseits des Egos und Evolution bedeutet Entwicklung
in der Zeit. Also bedeutet Evolutionary Enlightenment die
Entwicklung des Ausdrucks oder der Erfahrung von Bewusstsein
jenseits des Egos.
Obwohl die meisten Menschen das üblicherweise nicht so sehen,
ist es eine Tatsache, dass Erleuchtung und spirituelle
Entwicklung nicht unbedingt miteinander einhergehen. Wenn
Menschen kraftvolle spirituelle Erfahrungen haben — jene Art
von Erfahrungen, welche die tiefsten existenziellen Fragen
beantworten — ist es häufig so, dass sie, sobald das
Feuerwerk verklungen ist und der Staub sich legt, nicht danach
streben, weiter zu wachsen und sich auf tiefste und höchste Weise
zu entwickeln. In der Tat geben sich viele allzu schnell mit dem
Erreichten zufrieden.
Als spiritueller Lehrer, dessen Ziel die stetige
Weiterentwicklung des Bewusstseins ist, bin ich seit dem Tag, an
dem ich vor 21 Jahren zu lehren begann, leidenschaftlich und
engagiert darum bemüht, gegen dieses Phänomen anzukämpfen. Es
ist sehr viel einfacher, die absolute Antwort zu finden und damit
zufrieden zu sein, als diese Antwort zu finden und trotzdem
danach zu streben, sich ständig weiter zu entwickeln. Mit
anderen Worten, es ist nicht schwierig, Ekstase zu erfahren,
wenn man schließlich Gott findet. Allerdings ist es viel
herausfordernder, es zu wagen, sich als Gott zu
entwickeln. In der Lehre des Evolutionary Enlightenment ist die
Definition von Gott das kreative Prinzip, der evolutionäre
Impuls, also jene Energie und Intelligenz, die den kreativen
Prozess initiiert hat und ihn genau jetzt, während Sie diese
Zeilen lesen, vorantreibt.
Ein seltsames Dilemma
Dieses seltsame Dilemma der spirituellen Erfahrung, die
zu evolutionärer Stagnation führt, geschieht allzu häufig in der
Gegenwart einflussreicher spiritueller Lehrer und in
spirituellen Gruppen aller Art, Form und Größe. Wenn das, was
der Lehrer, die Gruppe oder die Tradition vermittelt,
authentisch und lebendig ist, werden diejenigen, die sich damit
verbinden, unweigerlich zu der Lebendigkeit und Klarheit dieser
Erkenntnis erwachen. Die direkte Erfahrung des Erwachens
inspiriert eine tiefe Überzeugung und befreit von existenzieller
Spannung — doch sie setzt nicht unbedingt eine fortwährende
Entwicklung in Gang.
In den letzten sechs Jahren waren diese Revolution Retreats,
an denen wir alle für ein Wochenende zusammenkommen und uns
bemühen, gemeinsam weiter vorwärts zu gehen, meine
wichtigste Methode um sicherzustellen, dass meine eigenen
Schüler sich weiter entwickeln. Viele dramatische
Sprünge (und auch viele Rückfälle) waren das Resultat dieses
unerbittlichen und zutiefst inspirierten Ringens um die
Entstehung neuer Strukturen im Bewusstsein.
Das erste dieser Retreats fand 2001 in London statt. Ich war
auf einem Zwischenstopp auf der Rückreise aus Indien, wo ich
früher jährlich zweiwöchige öffentliche Retreats hielt.
Damals steckten viele meiner engen Schüler und Schülerinnen
ziemlich fest in der individuellen und kollektiven Trägheit,
auch "Selbstzufriedenheit" oder einfach nur Faulheit
genannt. Ich wusste, dass sich das ändern musste. Als ich in
England ankam, flog ich nicht wie geplant weiter nach Amerika,
sondern überraschte meine Schüler auf der ganzen Welt damit,
dass ich sie aufforderte, mich an diesem Wochenende in London zu
treffen.
Diese beiden Tage waren der Beginn einer völlig neuen Phase
in der Entwicklung meiner Lehre. An diesem Wochenende hielt ich
viele inspirierte Vorträge über Erleuchtung in Beziehung zur
Evolution des Bewusstseins. Es war das erste Mal, dass ich
ausdrücklich über den evolutionären Kontext sprach, der in den
letzten Jahren in meiner Lehre einen immer stärkeren Ausdruck
fand. Ich forderte alle Anwesenden auf zu verstehen, dass es in
der Evolution des Bewusstseins niemals nur um das "Ich"
geht — es geht um das "Wir". Es war mit
Sicherheit ein wirkungsvolles Wochenende und viele waren tief
berührt ... aber nur wenige veränderten sich als Resultat
dessen.
Nach diesem Wochenende übte ich ungeheuren Druck aus und war
davon überzeugt, dass etwas Großes geschehen musste. Und
schließlich war es soweit: Am 30. Juli 2001 kam es zu einem
monumentalen Ausbruch von Bewusstsein als intersubjektive
Erleuchtung. Dies war die erste große Bestätigung dessen,
worüber ich bis zu diesem Moment immer wieder gesprochen hatte.
Seitdem habe ich meine Arbeit unaufhörlich weitergeführt.
Das bedeutet für mich, darüber zu sprechen, was möglich
ist — und es zu demonstrieren und zu beweisen, indem ich die
direkte Offenbarung dieser Möglichkeit teile. Und was das
Wichtigste ist, letztendlich darauf zu bestehen, dass andere mit
mir zusammen diese Möglichkeit als Realität manifestieren.
Was mich zum letzten Wochenende zurückbringt. Im letzten Jahr
haben wir Revolution Retreats regelmäßiger denn je
veranstaltet — alle drei oder vier Monate — und unser
spannendstes und erfolgreichstes gemeinsames Abenteuer ereignete
sich an diesem Wochenende. Für beide, Männer und Frauen,
passierten einige bedeutende Sprünge nach vorn, die mir eine
Menge Zuversicht in meine eigene Arbeit gaben. Eine Zuversicht
in das Potenzial, eine kleine aber nicht unbedeutende Rolle in
der Erschaffung einer besseren Zukunft für uns alle zu
spielen.
Wenn ich über die Evolution des Bewusstseins spreche, dann
ist es niemals getrennt von der Entwicklung der Kultur. Mit der
Entwicklung der Kultur meine ich die fundamentalen Strukturen
unserer Beziehungen. Mit meinen Schülern arbeite ich also in
verschiedenen Gruppen, um diese Form der Entwicklung zu fördern.
Wie viele andere auch, habe ich herausgefunden, dass das für
Männer und Frauen unter verschiedenen Umständen sehr
unterschiedlich aussehen kann.
Die Evolution der Männer
Für Männer habe ich seit mehreren Jahren betont, dass es
das Wichtigste, ist eine dynamische, verbindliche Beziehung von
trans-egoischer Brüderschaft zu kreieren. Ich hatte die Vision,
dass durch die Bildung von kleinen Gruppen, die sich der
Entwicklung der Kultur widmen, der Fortschritt jedes Einzelnen
niemals getrennt von der Entwicklung des größeren Ganzen
stattfinden würde. Ich nenne diese Gruppen
"Holons" — was so viel heißt wie ein Ganzes, das
ein integraler Teil eines größeren Ganzen ist. Die
vorteilhafteste Struktur für diese Holons wäre eine Gruppe mit 4
bis 8 Individuen, die mehr oder weniger die gleiche moralische,
intellektuelle und spirituelle Entwicklungsebene erreicht haben
und sich der bewussten Evolution im selben Maße verpflichtet
fühlen.
Durch die Arbeit an diesem Projekt habe ich im Laufe vieler
Jahre festgestellt, dass es nur funktioniert, wenn alle
Teilnehmer wirklich auf der gleichen Entwicklungsebene sind.
Ansonsten führt die natürliche menschliche Tendenz, der
Person mit der meisten Erfahrung oder dem größten
Selbstbewusstsein den Vortritt zu lassen, häufig zu einem
Verlust des Anspruchs an jeden Einzelnen, seinen eigenen
wichtigen Anteil an diesem Prozess autonom und kreativ
beizutragen. Damit der Prozess funktionieren kann, muss sich
aber jeder Einzelne furchtlos, leidenschaftlich, unbefangen und
egolos engagieren.
Damit eine holonische Struktur wie diese ein kräftiger Motor werden kann, durch den Bewusstsein sich entwickelt, muss jeder Einzelne jenen Punkt in seiner Entwicklung erreicht haben, an dem die Mehrheit des Selbst unumstößlich auf das Authentische Selbst ausgerichtet ist. Das heißt, er hat, wie ich es nenne, die 51 Prozent-Marke überschritten, bei welcher der Bewusstseinsschwerpunkt des Selbst sich vom Ego zum evolutionären Impuls oder dem Authentischen Selbst verlagert hat.
Nur wenn all diese Faktoren zusammenkommen, wie sie es an diesem Wochenende schließlich taten, kann ein wahrhaft subtiler und heiliger Boden entstehen, auf dem individuelle und intersubjektive Entwicklung wirklich geschieht, einfach durch die fokussierte und sehr bewusste Absicht der beteiligten Individuen. In solch einem stark geladenen Kontext wird das Holon zum Instrument in und durch welches sich Bewusstsein und Kultur entwickeln, nicht nur als ein Zustand, sondern als eine stabile und gleichzeitig flexible Struktur.
Und eine neue Frauenemanzipation
Mit meinen Schülerinnen ist mein Hauptprojekt seit über 14 Jahren der gewagte Versuch eine neue und noch nie da gewesene Manifestation der Frauenemanzipation zu verwirklichen – eine Befreiung, die nicht nur auf der Offenbarung der Erleuchtung oder dem egolosen Bewusstsein beruht, sondern auch auf einem Sprung über die postmoderne weibliche Selbst-Struktur hinaus, hin zu einem bislang unerschaffenen post-postmodernen weiblichen Selbst.
Darüber habe ich ausführlich in der letzten Ausgabe von What Is Enlightenment? in meinem "Der Guru und der Pandit"-Dialog mit Ken Wilber gesprochen. Diese spezielle Dimension dessen, was ich das Universe Project nenne, ist bisher die herausforderndste für mich persönlich gewesen, da ich oft das Gefühl hatte, dass ich mich in meiner Leidenschaft und Intuition darüber, was für Frauen möglich ist, weit herausgelehnt habe, ohne besonders viel Unterstützung zu erhalten!
Jegliche Vorstellung einer wahrhaft erleuchteten post-postmodernen Kultur hängt vor allem davon ab, dass Männer und Frauen endlich wirkliche Partner im evolutionären Prozess werden. Damit Männer und Frauen Partner werden können, müssen sie sich zuerst selbst auf grundlegende und heldenhafte Weise befreien und die unbewusste Anhaftung an prämoderne, moderne und postmoderne Ideen, Glaubenssätze und Instinkte über ihre vordefinierte Rolle in der kollektiven Struktur der Kultur loslassen.
Es ist eine Sache, höhere Bewusstseinszustände jenseits dieser konditionierten Strukturen zu erfahren. Doch die bloße Erfahrung dieser Zustände und die kurzzeitigen Einsichten in uneingeschränkte Einheit, die uns dadurch enthüllt werden, befreien das Selbst nicht automatisch von den weniger bewussten Überzeugungen über unsere Identität und was unsere Rolle im größeren Kontext oder im Verlauf des Lebens ist.
Das größte Geschenk der Moderne an die Frauen war und ist die allmähliche Entstehung immer größerer persönlicher Freiheit und Autonomie. Befreit davon, sich traditionellen Rollen anpassen zu müssen, ist das postmoderne weibliche Selbst in der Lage sich dafür zu entscheiden, ein wirklich befreiter Mensch zu werden, dessen wesenhafte Charakteristiken sich erst noch offenbaren müssen. Nie zuvor hat es eine spannendere Zeit gegeben, eine Frau zu sein. Was ich jedoch in meiner Arbeit mit Frauen im Kontext von Evolutionary Enlightenment herausgefunden habe ist, dass die meisten Frauen nicht so frei sind, wie sie denken. Damit sie die Zukunft mit ihrem eigenen Selbst erschaffen kann, muss die postmoderne Frau auf tiefster Ebene bereit und gewillt sein, auf ihre häufig unbewussten emotionalen, psychologischen, spirituellen und biologischen Anhaftungen an traditionelle Bezugspunkte zu verzichten. Dadurch kann sie wirklich erkennen, wer sie sein könnte, wenn sie nicht länger zwanghaft auf bekannte und sichere Rollen zurückblickt, in denen sie versucht, sich selbst zu finden.
Nach jahrelangem Ringen, diese "neue Frauenemanzipation" voran zu bringen, hat ich schließlich eine Gruppe von Frauen entwickelt, die ein Maß an Reife, Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit erlangt haben, um das absolute Abenteuer für das weibliche Selbst gemeinsam zu wagen. Beim Revolution Retreat am letzten Wochenende haben diese Frauen mit der herausfordernden und befreienden Aufgabe begonnen, das Licht des erwachten Bewusstseins in die vielschichtigen Auswirkungen der prämodernen, modernen und postmodernen weiblichen Selbst-Strukturen – in ihrer eigenen individuellen und kollektiven Erfahrung – zu bringen. Erst, wenn wir zutiefst verstanden haben, wer wir waren und warum wir so sind, wie wir sind, wird das aufregende und geheimnisvolle Potenzial dessen, wer wir sein könnten, ins Licht des Bewusstseins treten.
Ich bin so gespannt …