18. Oktober, 2006
Eine Erklärung der Integrität
Ein offener Brief von Andrew Cohen an seine Freunde und
Gegner
Um diesen Blog zu beginnen, dachte ich, dass es angemessen wäre, den folgenden Artikel, den ich gerade fertiggestellt habe, hier im Internet zu veröffentlichen. Er erklärt vieles, was ich schon seit langem sagen möchte. Einige werden ihn vielleicht zu lang finden, aber wenn Sie dabei bleiben, werden Sie, davon bin ich überzeugt, es der Mühe wert finden.
Vor etwa sieben Jahren hielt ich einen Vortrag in einem
Buchladen in Seattle. Als ich hinterher Bücher signierte, war
ich sehr erstaunt, als ein unauffälliger junger Mann auf mich
zukam, meine Hand schüttelte und ganz unbefangen, mit einem
Lächeln sagte: "Andrew, es ist wirklich schön, dass ich endlich
die Gelegenheit habe, dich kennen zu lernen. Mir ist immer
gesagt worden, du seist der Teufel."
Es hat etwas eigenartig Beunruhigendes, wenn einem klar
wird, dass zahllose Menschen, die man nie getroffen hat, ein
Bild von einem haben, dass mit der Realität nicht das Geringste
zu tun hat. Ich habe mit diesem eigenartigen Dilemma fast von
dem Tage an gelebt, an dem ich ein spiritueller Lehrer wurde,
aber in den letzten Jahren hat sich die Situation zugespitzt,
vor allem aufgrund der Versuche einer Gruppe ehemaliger Schüler,
die es sich scheinbar zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben, in
Online-Foren und ein paar Büchern ein negatives Bild von mir zu
schaffen und zu verbreiten.
Ich weiß, dass viele Leute sich gefragt haben, warum ich
nicht früher auf dies alles reagiert habe. Um ehrlich zu
sein – ich wusste einfach nicht, wo ich überhaupt beginnen
sollte. Alles, was mir vorgeworfen wurde, war auf so absurde
Weise verdreht, so weit aus jedem Zusammenhang genommen, so
offensichtlich darauf angelegt, mich und meine Arbeit in Verruf
zu bringen und Zweifel an meiner Integrität zu erwecken. Ich
wurde zu einer zweidimensionalen Karikatur eines kulturellen
Stereotyps reduziert: dem charismatischen und korrupten Guru.
Die Motive meiner Kritiker schienen so offensichtlich, dass ich
dachte, sie wären auch für andere zu durchschauen, und habe
daraus naiverweise geschlossen, dass es sinnlos sei, zu
reagieren. Davon abgesehen fühlte ich, dass es unter meiner
Würde war, das zu tun. Ich habe mich geirrt. Ich verstehe jetzt,
offensichtlich zu spät, dass manche das Ausbleiben einer
Reaktion als Anerkennung von Schuld oder Fehlverhalten
interpretieren, oder, noch schlimmer, als Mangel an Integrität.
Freunde, die ich respektiere, hatten mir geraten: "Lass deine
Arbeit für sich selbst sprechen." Ich hatte gehofft, dass
das bizarre Bild, welches meine Kritiker von mir zu zeichnen
versuchen, für jeden, der Augen hat zu sehen, einfach nicht
zusammen passen würde mit der sich ständig entwickelnden
Kreativität, Vernunft und Aufgeschlossenheit meiner Lehre und
meines Magazins, und der Zuversicht, Lebensfreude und
Offenherzigkeit, die meine Schüler beständig über einen langen
Zeitraum hinweg ausdrücken. Aber es scheint, dass die Zeit
gekommen ist, Stellung zu nehmen und die Dinge ins rechte Licht
zu rücken.
Fast vom Anbeginn meiner Karriere als Lehrer, vor über 20
Jahren, haben die Menschen auf extreme Art und Weise auf mich
reagiert. Von manchen wurde ich als gefährlicher Typ
wahrgenommen, mit ungewöhnlichem Charisma und spiritueller
Energie, der schwache und unschuldige Sucher dazu bewegen
konnte, jeglichen gesunden Menschenverstand, Objektivität,
Unabhängigkeit und Respekt sich selbst gegenüber aufzugeben und
sein hilfloser Günstling zu werden – einer Gehirnwäsche
unterzogen und in der Seele zerstört. Ich bin ein pathologischer
Narzisst genannt worden, der sich nie von dem Trauma seiner
Kindheit und der ungesunden Beziehung zu seiner Mutter erholt
habe und folglich seine Machtposition als spirituell
erleuchteter Guru dazu benutze, andere zu dominieren und
kontrollieren, um damit seinen Mangel an Selbstwertgefühl zu
kompensieren.
Andererseits gab es solche Leute (einige von ihnen sind
jetzt ironischerweise meine schärfsten Kritiker), die mich als
spirituellen Helden bejubelten, als einen Buddha des 21.
Jahrhunderts, einen wirklichen Revolutionär und spirituellen
Aktivisten, dessen Kompromisslosigkeit gegenüber den Maßstäben
seiner eigenen Lehre, selbst in seinen engsten und intimsten
Beziehungen, Ausdruck eines ungewöhnlichen Grades an Mut und
einer seltenen Verpflichtung zum Höchsten sei.
Ich nehme an, dass es in der Natur der Sache liegt: Um in
einem postmodernen Kontext ein Guru zu sein, muss man entweder
verrückt oder sehr mutig sein – beides
Charaktereigenschaften, bei denen es mir nicht so leicht fällt,
eine Beziehung zu ihnen zu finden. Mehr als alles andere habe
ich immer danach gestrebt, ein authentischer Mensch zu sein, und
deshalb war, was mich anbelangt, das Netteste, was je jemand zu
mir gesagt hat, die Bemerkung eines Mannes, der mich vor einigen
Jahren in North Carolina zum Flughafen fuhr: "Andrew, du bist
ein wirklicher Mensch. Selbst wenn du nicht erleuchtet
wärst, würde ich dein Freund sein wollen."
In der Tat ist es mein ungebrochenes Bekenntnis zu
Authentizität, Transparenz und Integrität, das mich für so viele
Menschen attraktiv macht und das für viele andere gleichzeitig
die größte Bedrohung ist. Es hat mich immer sehr verwirrt, des
Mangels an Integrität angeklagt zu werden, wo es doch meine
Integrität ist, die mich zu einem so herausfordernden Lehrer
macht.
Ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass die meisten
Menschen unter Erleuchtung nur das Erlangen eines höheren
Bewusstseinszustandes verstehen, und die Fähigkeit, diesen
Zustand an andere zu vermitteln. Viele nehmen fälschlicherweise
an, dass das Erreichen dieser höheren Bewusstseinszustände
bedeutet, dass sich das Individuum moralisch entwickelt und
einen hohen Grad an persönlicher Integrität erreicht hat, auch
wenn die endlosen Geschichten der Korruption und des
Machtmissbrauchs anscheinend erleuchteter Individuen in den
letzten dreißig Jahren bewiesen haben, dass das ganz sicher
nicht notwendigerweise der Fall ist. Jeder, der meine Abenteuer
in der spirituellen Welt verfolgt hat, weiß, dass ich die ersten
zehn Jahren meiner Karriere als Lehrer größtenteils damit
verbracht habe, diese Problematik zu beleuchten und zu
untersuchen – in meinen öffentlichen Vorträgen und Dialogen,
im Magazin, welches ich eigens aus diesem Grund gegründet hatte,
und in Diskussionen mit meinen Schülern und engsten Freunden.
Mein eigener Lehrer, der Guru und spirituelle Meister Sri
H.W.L.Poonja, verdeutlichte mir die Komplexität der spirituellen
Entwicklung ganz besonders. Wie nur wenige andere, konnte er die
grenzenlose Freiheit und nonduale Glückseligkeit und den Glanz
des Grundes allen Seins nur durch einen Blick übertragen. Und
gleichzeitig konnte er dir direkt in die Augen schauen und
geradeheraus eine Lüge erzählen, ohne die geringsten
Gewissensbisse zu zeigen. Unser letztendliches Auseinandergehen
war eine in einer ganzen Reihe von schmerzhaften, emotional
erschütternden Trennungen, die ich erfahren habe, weil ich
unwillig war, in Bezug auf meine eigene Integrität Kompromisse
zu machen. Ich glaube, dass es letztlich diese Unwilligkeit zum
Kompromiss ist, die über die Jahre hinweg zu dem Mythos geführt
hat, den einige meiner ehemaligen Schüler, meine eigene Mutter
eingeschlossen, geschaffen haben: dass ich etwas Eigenartiges,
ja Abartiges hätte, dass ich eine zweidimensionale Karikatur
sei, welche die Menschen auf unerklärliche Weise wie ein Magnet
anziehe und sie gleichzeitig, ohne ersichtlichen Grund,
sadistisch quäle. Ich glaube, dass der Grund für ihren,
zumindest teilweisen, Erfolg meinen Ruf zu schädigen, darin
liegt, dass sie bewusst ein Stereotyp beschwören, das in einem
kulturellen Klima, welches jeder Hierarchie gegenüber
überempfindlich und misstrauisch ist, ein einfacher emotionaler
Köder ist.
Ich bin immer ganz offen darüber gewesen, dass ich ein Guru
im wahren Sinne des Wortes bin, und das in einer Zeit, in der
dieses Wort ironischerweise auf jedem Fachgebiet – die
Spiritualität ausgenommen – mit Respekt benutzt werden kann.
Was mich anbetrifft, ist jeder spirituelle Lehrer, der diese
Bezeichnung verdient, jeder echte Guru, jemand, der ernsthaft
versucht, Menschen nicht nur auf einen höheren
Bewusstseinszustand zu bringen, sondern auch auf eine höhere
Entwicklungsstufe – wodurch ihr Schwerpunkt auf der Spirale
der menschlichen Entwicklung buchstäblich nach oben verlagert
wird. Doch in unserer postmodernen Kultur wird jedes Konzept von
etwas Höherem als dem Individuum und ihrem oder seinem sensiblen
Selbst mit Misstrauen oder Verachtung behandelt. Tatsächlich
wird Pluralismus, besonders in spirituellen Kreisen, als Zeichen
spiritueller Entwicklung gesehen: Alles ist eins, und vor den
Augen Gottes sind wir alle gleich und perfekt, genau so, wie wir
sind. Alles, was die dem narzisstischen Selbstgefühl
innewohnende Perfektion in Frage stellt, wird als ultimative
Bedrohung für die weit und breit größte Illusion betrachtet. Und
das ist es auch! Und deshalb bin ich es auch ...
Mein spirituelles Feuer, meine Leidenschaft für Gott, Liebe
und Wahrheit war schon von Anfang an nicht nur ein Aufruf, den
Verstand und die Zeit loszulassen, um die dem Seinsgrund
innewohnende Fülle und Perfektion zu erfahren, sondern auch, was
noch wichtiger ist, ein Aufruf zu einer wirklichen
spirituellen Revolution – ein Aufruf, sich zu erheben,
zu transformieren, sich ganz dem ekstatischen Drang hinzugeben,
sich um des Lebens selbst willen zu entwickeln. Dieser
revolutionäre Aufruf, den Weg ganz bis zu Ende zu gehen, ist es,
so denke ich, was die Menschen anzieht und was das Besondere
meiner spirituellen Lehre ausmacht. Ich glaube auch, dass es
genau das ist, was alle, bis auf die ernsthaftesten und
engagiertesten, in so tiefes Wasser geführt hat, dass sie nicht
darin zu schwimmen bereit waren.